Wenn von einer Erdteil übergreifenden Krankheit die Rede ist,
denkt man sofort an AIDS. Doch die vier Millionen AIDS-Patienten sind nur ein
kleiner Bruchteil der Zahlen, die man der Stoffwechselkrankheit Diabetes zuschreibt.
Ihr fallen allein soviel Menschen jährlich zum Opfer. Alle zehn Sekunden (!)
stirbt auf dieser Welt ein Patient den Diabetes-Tod. Eine Million Füße werden
im Jahr amputiert, 2 ½ Millionen Netzhautkranken droht die Erblindung. Dabei
sind diese Statistikzahlen nur die Spitze des Eisberges. Denn nur in den Wohlstandsländern
gibt es Statistiken. Aber in den sogenannten Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern
ist die Dunkelziffer erschreckend. Diabetes ist nicht ausschließlich eine Wohlstands-
krankheit, sondern ebenso häufig in den Armenregionen vertreten. Von den zehn
höchsten Diabetes-Ländern zählen sieben zu den ärmsten Regionen. In China und
Indien gibt es mehr chronisch Zuckerkranke als Deutschland Einwohner hat. So
sprach die WHO im letzten Jahr von 180 Millionen Diabetikern auf diesem Globus.
Die internationale Diabetes Federation stellt dazu fest: "Die Diabetes- Pandemie
ist außer Kontrolle." Von ihrem Präsidenten Pierre Lefèbvre war zu hören: "Wir
haben die Übersicht verloren."
Tatsache ist, dass sich die Behandlungskosten weltweit auf einige hundert Milliarden
Dollar belaufen. Dagegen sind Aufwendungen für die AIDS-Seuche Kleingeld, "Peanuts",
wie ein deutscher Banker zu sagen pflegte.
Trotzdem geht von den ca. drei Milliarden Dollar internationaler Entwicklungshilfe
der Löwenanteil in die Aidshilfe. Nur 0,1 % verbleiben für Diabetes-Programme.
In den reichen Gesellschaften wird der Stoffwechsel durch Überfluß, Wohlleben
und Bewegungsarmut gestört. Doch dort besteht immerhin die Möglichkeit, diese
Krankheit medizinisch umfassend zu betreuen. Immerhin gibt Deutschland jährlich
für seine Diabetes-Kranken 30 Milliarden € aus. Und mit steigenden Kosten ist
zu rechnen! Denn weltweit gibt es alle fünf Sekunden einen neuen Diabetes-Fall.
Nur in den Dritte-Welt-Ländern gibt es die bei uns mögliche medizinische Versorgung
nicht. Die Ärzte dort sind frustriert. Sie haben keine Mittel und müssen erkennen,
dass selbst Kinder bereits an Altersdiabetes erkranken. Wenn man die Aidsseuche-
Verhütung propagieren kann, fehlt bei der Stoffwechselentgleitung jegliche Krankheitsprophylaxe.
Nicht nur Überfluß macht krank, sondern Mangelernährung genauso. Besonders betroffen
ist Afrika, weil es dort ständig irgendwo zu Hungers- nöten kommt, die außer
Kontrolle geraten. Es fehlt nicht nur das Geld für das Elementarste: Essen,
geschweige denn für Vorsorge und Aufklärung. Wer hungert, hat wenig Sinn für
einen "gesunden Lebensstil", der ausgewogene Ernährung und viel Bewegung vorsieht.
Aber in den Wohlstandsländern der westlichen Welt sollte dies ein wichtiges
Thema sein. Fernseher und PC züchten Stubenhocker, und Fast Food müsste verboten
werden. Denn 80 % der Diabetes-Fälle wären bei gesundem Lebenswandel vermeidbar.
Wichtig ist die Früherkennung und die Aufklärung, die in den Industrieländern
rechtzeitig möglich sein sollte. Milliardenbeträge könnten an den Gesundheitskosten
eingespart werden und das Kassensystem wieder bezahlbar machen. Ansonsten entwickelt
sich eine medizinische Katastrophe von ungeheurer gesellschaftlicher Sprengkraft.
Dann haben wir tatsächlich die Übersicht verloren.