HPG - ein Auslaufmodell?

von Hp Wilfried Pieper


Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 03/2007

Das Heilpraktikergesetz - es war von den Machthabern des Dritten Reiches geschaffen worden, um aus den verschiedenen Gruppen der Naturheiler einen Berufsstand zu machen und diesen zu regulieren.
Wobei man erreichen wollte, dass wir uns neben der Ärzteschaft nicht recht entwickeln konnten, was in der DDR ja letztlich auch gelungen ist. Dort sind nur noch einige alte Hps übrig geblieben.
Bei uns aber wurde nach dem Kriege das HPG zum Schutzschild für unseren Beruf. In Europa, ja weltweit, sind wir die einzigen Naturheilkundigen, die durch ein Gesetz geschützt werden, das uns einen weitgesteckten Therapiespielraum lässt.
Eigentlich sollten wir für diesen Schutzschild dankbar sein. Aber es mehren sich seit Jahren die Versuche, das Gesetz auszuhölen, zu unterlaufen oder daran herumzuknabbern. Klamm und heimlich ohne Widerstand unserer Großverbände haben die Verwaltungsbehörden, die über unsere Zulassungen entscheiden, die Überprüfungsordnung geändert - letzte Änderung 16.10.06 - und aus der Überprüfung eine medizinische Fachprüfung gemacht.
Versuche der Gesundheitsbehörden, unsere Therapiefreiheit einzugrenzen, konnten mehrfach abgewehrt werden. Immer wieder wollte man uns die Injektionstherapie nehmen. Das gelang bisher nicht. Aber die Neuraltherapie haben wir jetzt durch die Verschreibungspflicht von Procain und Lidocain verloren. Auf ständig neue Angriffe, die vielfach von Lobbyisten anderer Interessengruppen gesteuert werden, müssen wir immer wieder gefasst sein.
Aber der Kampf gegen unseren Berufsstand kommt nicht nur von außen. Wir zerstören uns auch selbst, indem wir Entwicklungen zulassen, die das HPG in Frage stellen. Dazu zählt der Psycho-Hp = abgespeckte Prüfung, aber unkontrollierte Tätigkeit.
Ebenso wenig werden unerlaubte Tätigkeiten in der Grauzone kontrolliert. Auf die Behörden ist da leider kein Verlaß. Sie sind zu lasch. Sonst dürfte das Werbeangebot Naturheilkunde im Frisiersalon nicht möglich sein. Derartige Beispiele, wo unproffesionell Naturheilkunde angeboten wird, könnte ich aus meiner Tätigkeit heraus viele nennen und belegen.

Immer wieder wird versucht, die Hp-Zulassung zu umgehen. Osteopathen, Podologen und Physiotherapeuten wollen keine Hp mehr sein und verlangen, dass für sie das HPG unzulässig wird und sie ohne unsere Überprüfung arbeiten dürfen. Gelingt dies, verschwindet unser Berufsstand eines guten Tages von der Bildfläche. Ein erster Anlauf dazu ist - wahrscheinlich wieder einmal unbe- merkt von unserer Präsidentenrunde - bereits geschehen. Zwei Physiotherapeuten erstritten vor dem OVG Koblenz, dass sie ohne Zulassung als Hp und ohne ärztliches Rezept die Chiropraktik durchführen dürfen. Begründung: sie hätten eine qualifizierte Ausbildung im Gegensatz zu den Hp. Die Berufsbezeichnung Hp sei sogar abwertend für sie. Das OVG hat dieser Klage stattgegeben und eine Revision nicht zugelassen (Az. GA 10271/06 OVG). Das Gericht hat den Klägern zugestanden, dass sie die Erlaubnis haben, die Heilkunde nach Maßgabe von § 1 HPG selbständig auszuüben ohne die Berufsbezeichnung "Hp" führen zu müssen. Weiter urteilt das Gericht, dass sich mit der Bezeichnung "Hp" Vorstellungen verbinden, deren Übertragung auf die Absolventen einer qualifizierten heilkundlichen Berufsaus- Bildung diskriminierend sein kann.

Mit diesem Urteil wird uns die Chiropraktik genommen. Der Verband der Physiotherapeuten war nicht müßg, es sofort bundesweit zu verbreiten. Natürlich mit dem besonderen Hinweis, dass die Berufsbezeichnung "Hp" eine Diskriminierung ist für jeden rechtschaffenen Physiotherapeuten. Keine Revision gegen dieses Urteil. Nun liegt das Kind im Brunnen! Weit schlimmer: warum haben unsere Spitzenfunktionäre von diesem Verfahren nichts gewusst und sich in diesen Prozeß eingeklinkt? Am Geld kann es doch bei dem reichlichen Beitragsaufkommen nicht liegen!
Unser kleiner Verband hat jahrelang Prozesse am BGH und BVerfG geführt, um die Rechte der Behandler und ihrer Patienten zu schützen und letztlich auch obsiegt. Sollte es da den Großverbänden nicht ebenfalls möglich sein, so schwerwiegende Urteile, die unseren Berufsstand in seiner Existenz gefährden, zu vereiteln?
Da ich die Rentengrenze schon weit überschritten habe, auch die neu ange- dachte, könnte ich nur sagen, solange du noch praktizieren kannst, wird dich das HPG schützen können. Nach mir die Sintflut!
Aber mit dieser Einstellung kann ich mich nicht anfreunden. Es bedrückt mich, dabei zusehen zu müssen, wie unser Berufsstand peu à peu "baden" geht. Wie er selbstherrlich zu Grunde "regiert" wird.
Genauso bedrückend ist, dass unser Nachwuchs die erforderliche Qualität vermissen lässt. Die Naturheilpraxis mit umfassendem Therapieprogramm stirbt aus. Nur mit oberflächlichen populistischen Angeboten lässt sich die Zukunft nicht sichern.
Mit dem HPG wäre es sicherlich vereinbar, wenn wir uns endlich eine geregelte Ausbildung zulegen würden. Hier liegt nämlich der Schwachpunkt für den Beruf "Hp", wie auch das OVG-Urteil wieder gezeigt hat.
Lassen wir aber das Boot treiben und sagen "ja" zur systematischen Aushöhlung des HPG, verlieren wir unseren Schutzschild und entziehen unserer Existenz den Boden. Dann ist das HPG wirklich ein Auslaufmodell, worauf so viele bereits lauern - europaweit. Für unseren Berufsstand wäre es das Ende!