Opfergang eines Spitzenfunktionärs

von Hp Wilfried Pieper


Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 09/2006

Glaubt man seiner Eigenlobhymne an die Teilnehmer der 8. FDH-Delegiertenversammlung in Mainz, dann ist der sich-selbst-preisende 45 Jahre HP, davon 35 Jahre in ehrenamtlicher (unentgeltlicher ?) Funktionärstätigkeit.

Als Vizepräsident seines Verbandes unterhält er sogar auf eigene Kosten am Wohnort ein Büro, in dem er mindestens zwei volle Tage pro Woche der Kollegenschaft zur Verfügung steht. Damit wird der übliche (?) Umfang einer ehrenamtlichen Tätigkeit oft überschritten, denn an drei Wochentagen muss der Gute noch in seiner Praxis arbeiten. Das alles als "noch-schaffender-Rentner".

Wenn ich dann lese, was er in seinem fortgeschrittenen Alter alles leistet und auch künftig noch leisten will bei eventueller Wiederwahl, bekomme ich direkt ein schlechtes Gewissen. Sollte ich ihm 20 Jahre lang Unrecht getan haben und seine Aufopferung für den Berufsstand tatsächlich nicht erkannt haben?

Hatte vielleicht sogar der Arzt als Gerichtsgutachter der LG Bielefeld Unrecht, als er 1986 behauptete, "der Obergutachter sei ein medizinisch unbedarfter Laie"? Als solcher hatte er damals die Pamphlete des "Bösachters" Wenninger gutgeheißen.

Nun sagte mir aber eben dieser Arzt erst unlängst, der "Obergutachter" habe in 20 Jahren nichts dazu gelernt, wie aus seinen aktuellen "Fachgutachten" zu ersehen sei.

Sollte sich jedoch alles als ein bedauerlicher Irrtum herausstellen und er ist gar nicht der Autor etlicher "Gutachten" in meinem Archiv, bin ich durchaus bereit, bei ihm Abbitte zu tun. Sicherlich ist er dann auch nicht derjenige, der immer wieder erfolglos versucht hat, mich zu verklagen, weil ich nun einmal keine selbstgerechten Funktionäre mag, die dazu auch noch "Gutachter" sind. Weiß ich jetzt aber, dass er nur ehrenamtlich gearbeitet hat, sogar noch mit eigenem kostenträchtigen Büro, dann verstehe ich, warum er wenigstens auf die Gutachterhonorare angewiesen war. Man sollte ihm dieses "kleine" Zubrot gönnen. Heikel wird es nur, wenn er in seinen Kollegen-Beurteilungen das Gegenteil von dem schreibt, was er als Gutachterkommissions-Vorsitzender predigt. Ist das Absicht, um Geld zu verdienen oder auch nur ein Irrtum? Oder wurde hier vielleicht "der Bock zum Gärtner gemacht"? Immerhin blicken wir laut Rundbrief auf eine steile Funktionärskarriere, wenn auch mit kleinen Dellen und eingebunden in feste Seilschaften. Auf einen derart verdienten Mann kann doch der Berufsstand nicht verzichten! Wer beaufsichtigt künftig die BOH, an die sich ohnehin niemand hält? Wer bastelt weiter ergebnislos am GebüH? Wer kämpft für den Erhalt der Beihilfeleistungen und verhandelt mit der PKV? Die DKV zahlt seitdem für HP so gut wie gar nicht mehr!

Wer streitet mit dem BfArM, dass uns die Parenteralia erhalten bleiben? Dies tut er sogar gegen seine Überzeugung - nur für uns HP -, denn in seinen Gutachten steht, dass unsere Patienten eigentlich alles oral nehmen können.

Wir würden ihn also sehr vermissen, wenn er jetzt schon (mit 70) in Rente ginge. So hat er noch einmal den Anlauf genommen, sich ins rechte Licht gerückt und seine Schaffenskraft trotz körperlicher Blessuren für 4 weitere Jahre angeboten. Alle Hochachtung! Das ist Einsatz! Zähne zusammenbeißen und durch! Sensibel für Probleme des Berufsstandes ist er auch, hat er geschrieben.

Schade, die Delegierten haben trotz aller Eigenlob-Bemühungen seine außerordentlichen Verdienste nicht erkannt und ihn nicht wieder gewählt. Und das in diesen schweren Zeiten! Da opfert der dritte Vize fast unentgeltlich 35 Jahre seines Berufslebens dem Verband und keiner will ihn wiederhaben. Weggelobt mit einem leisen Nein-Danke. Vielleicht kommt noch ein Orden hinterher. Wer weiß?

In den Seilschaften - ob auch im Berufsstand (?) - hinterlässt er eine große Lücke! Selbst mir wird er fehlen!