Meine Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 3/2004

Für Regierung und Opposition, alle politischen Kräfte in unserem Land, soll auch dieses Jahr das absolute Reformjahr werden. Innovation (lat. innovare = erneuern) ist zur Zeit das meist gequälte Wort. Doch diese Erneuerung, die uns da stets versprochen wird, erstickt sogleich in administrativer Bürokratie und Ideologie. Entsprechend depressiv und frustriert ist die Stimmung in der Bevölkerung; gut wahrnehmbar, wenn wir in der Praxis unseren Patienten zuhören. Hier hören wir täglich "Volkesstimme".

Wenn wir auf unseren Berufsstand schauen, haben wir ein nahezu deckungsgleiches Bild. Die Führung großer Verbände redet zwar "innovativ", handelt aber nicht. Schließlich will man ja eigene Pfründe nicht gefährden. Außerdem, scheint mir, hat man die Bindung zur Basis längst verloren. Wenn man den Zustand der Hp-schaft schönredet, besteht auch die Gefahr einer Revolution von unten. 2004 sollte auch für uns Hp das Jahr der Reformen werden. Zu viele Probleme liegen auf Eis und müssen endlich gelöst werden. Wie könnte nun diese Problemlösung aussehen?

Zunächst müssten die Verbände junge engagierte KollegInnen in Führungspositionen wählen, um die bisherigen verkrusteten Machtstrukturen aufzubrechen. Das Ehrenamt muss wieder zum Ehrenamt werden. Idealismus und neue Ideen sollen die Triebfeder der Vorsitzenden sein. Einigkeit muss im Funktionärskader vorherrschen, nicht aber die Profilneurose Einzelner. Das bedeutet auch, dass wirklich alle Verbände miteinander kooperieren, damit endlich unser Berufsstand gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit mit einer Stimme sprechen kann.

Unser Ausbildungs- und Fortbildungsproblem steht seit Jahren zur Lösung an. Es geht aber nicht, dass wieder einzelne Verbände vorpreschen und ihre Mitglieder zu kostenpflichtigen Zwangsfortbildungen zwingen wollen, um möglicherweise nur einige Taschen dozierender Funktionäre zu füllen. Das ist nicht der richtige Weg! Zunächst muss das Ausbildungskonzept stehen. Dazu sind auch die Hp-Schulen gefragt. Ihr Ausbildungskonzept muss einheitlich auf einen standardisierten Nenner gebracht werden, so dass die recht unterschiedliche Qualität der Schulen aufgehoben wird. Dann könnte die Überprüfung durch den Amtsarzt erst mit einem qualifizierten Ausbildungszertifikat möglich werden. Der in der Öffentlichkeit erhobene Vorwurf, die Überprüfung sei reine Glückssache, würde dann entfallen.

Die Kosten der Ausbildung trägt nach wie vor der Schüler. Aber die Kosten der Weiterbildung sollte man auf mehrere Schultern verteilen. Man könnte die vielen Fortbildungsangebote der Pharma-Industrie sinnvoll mit unseren Anliegen koordinieren. Das wäre finanziell schon ein Standbein. Außerdem müssten Mittel aus Beitragsaufkommen bereit stehen. Die dritte Säule wäre dann die Eigenbeteiligung.

Ein weiterer sinnvoller Reformschritt wäre, die PKV-Honorare für Gutachten direkt in die Verbandskassen fließen zu lassen. Der Autor bekäme daraus lediglich seine Spesen erstattet. Diese Gelder könnten Verwendung für PR-Arbeit und Schulung finden. Wenn zudem Funktionären grundsätzlich verboten würde, auf eigene Rechnung "Gutachten" zu schreiben, wäre das Gutachterunwesen unseres Berufsstandes eher heute als morgen abgeschafft. Es gäbe auch keinen "Obergutachter" mehr!

Also, liebe KollegInnen, packen wir es an! Nutzen wir das Reformjahr. Letztendlich geht es um die Existenz unserer Praxen! Allein die BehandlerInnen an der Basis wählen Ihre Funktionäre und bestimmen damit die künftige Berufspolitik. Ich hoffe, dass Sie dabei ein glückliches Händchen haben und die richtige Auswahl treffen.