Meine Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 3/2005

Die Gesundheitsreform, das Jahrhundertwerk, wegen der Frau Ulla Schmidt und Herr Seehofer die glücklichste Nacht ihres Lebens miteinander verbracht hatten, stand nun ein Jahr auf dem Prüfstand. Was hat uns diese Reform gebracht? Für das Volk im Allgemeinen und für unseren Berufsstand im Besonderen? Schon nach kurzer Zeit stellten sich die den Bürgern gemachten Versprechungen als Halbwahrheiten heraus. Aus der "Reform" des desolaten Gesundheitswesens war eine Umschuldung zu Lasten der Bürger geworden.

In der tat erzielte die GKV, die insgesamt mit circa zehn Milliarden verschuldet ist, zwar einen Überschuss von etwa 9,5 Milliarden. Doch woher resultiert dieser Überschuss? Auf die Praxisgebühr entfallen circa drei Milliarden, weitere zwei Milliarden wurden den Rentnern für Beiträge auf Betriebsrenten abgezockt. Der Rest setzt sich aus "Sparmaßnahmen" - sprich Leistungskürzungen zusammen - zum Beispiel die Nichterstattung rezeptfreier Medikamente.

Da Schulden und Überschüsse der GKV nahezu deckungsgleich sind, blieb nach Ansicht der in Marmorpalästen residierenden Krankenkassen wenig Spielraum für Beitragssenkungen. Vielmehr sind für Krankheitsgeld und Zahnersatz bereits Erhöhungen in Höhe von 0,9 Prozent beschlossen, die viele Versicherungen zumindest teilweise an die VN weitergeben. Das Fazit: Der Bürger, sofern er gesetzlich versichert ist, erhält keine Ent- sondern erhebliche Mehrbelastung. Da zudem auch Beiträge zur Renten- und Pflegeversicherung wegen maroder Kassenlage nicht abgesenkt werden können, sinken die Lohnnebenkosten nicht. Natürlich wird durch das bereits fehlende Geld die Binnennachfrage geschwächt. Darüber hinaus verunsichern Presseberichte über weiteres Abkassieren die Bevölkerung und hält sie zum Sparen an.

Für die Ärzteschaft brachte die "Reform" eine Umsatzeinbuße von etwa fünf Prozent allgemein, bei Fachärzten bis zu 15 Prozent. Nun sind die Menschen keineswegs weniger krank, nein, sie scheuen nur die gestiegenen Behandlungskosten, besonders die Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren. Werden dann aufgeschobene notwendige Behandlungen letztlich doch therapiert, kann es für die GKV doppelt so teuer werden.

Die Einsparungen auf dem Arzneimittelsektor haben in erster Linie die mittelständische Pharmaindustrie, die vorwiegend biologische rezeptfreie Präparate anbietet, schwer getroffen und zum Teil in ihrer Existenz gefährdet. Die Großpharma kommt trotz vorgeschriebener Festpreise noch gut zurecht. Aber gerade ihre Lobby ist beim Kanzler vorstellig geworden, um den "Genossen der Bosse" zu bewegen, diese Festlegung wieder aufzuheben, weil sie den freien Wettbewerb behindern würde. Das mag sein, aber der freie Wettbewerb fehlt in der ganzen Gesundheitsreform, unter der Versicherungen, unter den Ärzten und nicht zuletzt in der Pharma-Industrie. Also kann man ihn nicht nur in einer Sparte - und wiederum zu Lasten der Bürger - wollen. Entweder oder! Alle müssen etwas davon haben! Der Kanzler hat den Industriefunktionären eine Absage erteilt.

Wo bleibt die von Frau Schmidt angekündigte Gesundheitskarte, die der Kosteneinsparung dienen soll? Die Ministerin kündigt nach wie vor an, "das Projekt liege zeitlich und inhaltlich im Plan". Die GKV und die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) haben kundgetan, dass die neue Chipkarte in dieser Legislaturperiode unrealistisch sei. Kann es sein, dass gewisse Institutionen diese Karte gar nicht wollen, weil sie ihnen nicht dienlich ist?

Welche Erfahrung hat nun speziell unser Berufsstand mit der Reform gemacht? Zunächst einmal ist der Strom der Patienten in unsere Praxen, die uns einige Spitzenfunktionäre aufgrund der Praxisgebühr bei den Ärzten prophezeit hatten, ausgeblieben. Vielmehr spüren wir, dass das Geld bei der Bevölkerung knapper geworden ist oder zögerlicher ausgegeben wird. Hinzu kommt, dass Bundesbeihilfe und Post die Erstattung rezeptfreier Medikamente eingestellt haben. Wer Patienten aus diesem Bereich hat, wird mit zusätzlichen Einbußen rechnen müssen. Aber die weit größere Gefahr für uns alle ist, dass rezeptfreie Medikamente, die nun nicht mehr die erforderlichen Umsätze bringen, aus dem Markt fallen. Täglich erleben wir doch, dass uns Rezepte zurückgereicht werden, weil es die verschriebenen Präparate nicht mehr gibt. Hochwirksame Mittel, mit denen wir seit Jahrzehnten erfolgreich therapiert haben, verschwinden. Alles in allem gesehen ist unser Berufsstand auch "reformgeschädigt". Was ist zu tun?

Zunächst müssen die Politiker bereit sein, das marode und in seiner jetzigen Form überholte Gesundheitssystem an Haupt und Gliedern zu ändern. Nur mit einer Verlagerung der Kosten auf andere Schultern ist es nicht getan. Bevor man die Bürger kollektiv weiter schröpft, sollte man eine Kostenanalyse machen, das heißt, dort sparen, wo immer noch eine Überversorgung erfolgt. Die Eigenverantwortung der einzelnen VN sollte man ebenfalls ansprechen. Eine Rundumversorgung bedarf der Zuzahlung. Aber leider wird das von unseren Politikern, die stets auf das Wohlwollen der Wähler schielen, nicht verlangen können.

So gesehen, müssen wir die Aktivitäten der Gesundheitsindustrie mit Sorge sehen. Die Großpharma hat ihre Lobby bereits in Bewegung gesetzt. Die KBV hat unlängst mit dem kämpferischen Chirurgen Dr. Andreas Köhler einen neuen Vorsitzenden gewählt, von dem man sich verspricht, dass er die kassenärztlichen Interessen gegenüber den Gesundheitspolitikern besser vertritt. Er kennt sich nicht nur in der Verwaltung gut aus, sondern gilt als hart, aber fair in der Sache und ist vor allem den Politikern gut bekannt. Er wird sich kaum scheuen, seine Forderungen deutlich zu machen. Er hat aber auch etwas anzubieten: die Qualitätskontrolle für alle niedergelassenen Mediziner. Alle Ärzte müssen sich regelmäßig - kontrolliert(!) - fortbilden. Darüber hinaus will die KBV künftig veröffentlichen, welcher Kassenarzt welche Leistung in welcher Qualität anbietet. Dieser Ärzte-TÜV wird bereits von den Verbraucherverbänden euphorisch aufgenommen.

Und was tun die gutbezahlten Funktionäre der Heilpraktiker"Groß"verbände? Nichts!!!

Sie sind den Politikern weitgehendst unbekannt! Außerdem fehlt ei einheitliches Zukunftskonzept, weil jeder nur seine eigene Profilneurose pflegt. Es gibt keine gemeinsame PR-Arbeit. Unser Imagebild bei der Bevölkerung ist fragwürdig. Statt deutlich zu machen, dass wir DIE zweite Säule im Gesundheitswesen mit eigenverantwortlicher Gesundheitsvorsorge sind, die den Staat nichts kostet, stellen diese Funktionäre uns in der Presse lieber als "Heiler, Hexer und Schamanen" dar.

Der Ärzte-TÜV sollte uns aufschrecken. Wo ist bei uns ein tragfähiges Konzept für eine Qualitätssicherung, für Aus- und Weiterbildung oder gar für die Zertifizierung unserer Praxen? Welche Experten haben wir den Patienten anzubieten? Welche nachweise über Qualifizierung und erfolgreiche Therapien können wir erbringen bzw. den Verbraucherverbänden darlegen?

Würde man der Öffentlichkeit die "Gutachten" der uns bekannten "Bösachter" zugänglich machen, müsste sogar der Eindruck entstehen, dass bei uns nur medizinisch unbedarfte Laien, Scharlatane oder Abzocker zu Werke gehen.

Sie sehen, liebe Kolleg/Innen, uns als Mitverlieren der "Reform" bleibt noch zu viel tun. Packen wir's an! Es bleibt nicht mehr viel Zeit, unsere Existenz zukunftssicher zu machen! Es ist bereits "fünf vor zwölf"! Doch vor einem neuen Anfang steht die Beseitigung der bisher immer wieder aufgezeigten Missstände in unserem Berufsstand. Haben Sie Mut, die anstehenden Probleme anzugehen.