Meine Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 4/2006

Unlängst las ich in einer Zeitung den Satz: "Wenn wir Bundesbürger uns in Sicherheit wähnen, schätzen wir jene Politiker, die uns nichts abverlangen, denn wo kaum Reform naht, da droht auch kaum Gefahr." Da habe ich gedacht, diese Aussage passt doch auf unseren Berufsstand "wie die Faust aufs Auge". Die Kollegenschaft an der Basis wiegt man in Sicherheit, hält alle Hiobsbotschaften möglichst von ihr fern und lässt sich dafür als tatkräftiger Funktionär feiern, der alles bestens im Griff hat. Nur, so fahren wir unseren Berufsstand vor die Wand. Die nüchterne Wahrheit ist leider viel trauriger. Es gibt sie nicht, die tatkräftigen Funktionäre in den großen Verbänden. Ihnen fehlt jeglicher Kontakt zu unseren wichtigen Gesundheitspolitikern und den parlamentarischen Gremien, die die für uns wichtigen Entscheidungen treffen.

Das beste Negativbeispiel dafür ist die Verschreibungspflicht für Procain und Lidocain. Nur mit einigen netten Briefen an die Gesundheitsministerin, die einige Funktionäre separat voneinander geschrieben haben, ließ sich das Problem nicht lösen. Es fehlte das gemeinsame Engagement. Folglich verhallten die Eingaben der Solisten sowohl im Ministerium, wie auch beim BfArM und beim Bundesrat. So wie wir uns momentan präsentieren, sind wir ein Leichtgewicht, das in der Gesundheitspolitik nicht (mehr) wahrgenommen wird.

Wenn der Vorsitzende des VDH seinen Mitgliedern schreibt, dass Politiker in Berlin darüber nachdenken, uns Heilpraktikern die Möglichkeit zur Abrechnung mit der Beihilfe zu nehmen, tut sich für uns ein weiteres Problem auf, das unsere Existenz gefährdet. In dem Rundschreiben finden sich die tröstenden Worte, dass die DDH auf allen Ebenen aktiv zu werden gedenkt. Nur das Fazit des Herrn Präsidenten lautet schon jetzt, dass er keine Hoffnung hat und vorschlägt, wir sollten einmal auf die Straße gehen, um zu protestieren. Wenn ich im Moment verfolge, dass der Ärztestreik von immerhin Hunderttausenden unsere Gesundheitsministerin unbeeindruckt lässt, verspreche ich mir von der Demonstration von vielleicht 20.000 Heilpraktikern erst recht keinen Erfolg. Vor allem sehe ich nicht, wer aus unseren Reihen diesen Protest organisieren und vor unserer Regierung vertreten könnte und wollte (?).Wir wehren uns auch sonst nicht!

Schleichend engt man uns in unserer Arbeit ein. Medikamente werden verschreibungspflichtig oder uns ganz genommen, weil sie vom Markt fallen.

Neuerdings werden sie von einigen Gesellschaften der PKV nicht mehr bezahlt, weil sie angeblich nicht wirksam, aber "hochgefährlich" sind. Welche Antwort haben wir darauf? Keine!! Im Gegenteil, die von mir häufig zitierten Gefälligkeitsgutachter bestärken die Versicherungen noch in ihrem Verhalten. Wer zahlt die Zeche? Die Behandler an der Basis! Ihnen brechen die Umsätze weg und stellen die wirtschaftliche Existenz in Frage. In dieser desolaten Lage können und dürfen wir nicht länger verharren! Alle, die uns anfeinden, haben eine stärkere Lobby als wir. Ja, wir haben eigentlich gar keine! Die Ärzte mögen uns nicht. Die Großpharma hält uns für überflüssig. Die Osteopathen möchten einen eigenständigen Berufsstand, losgelöst vom HPG. Die Physiotherapeuten pfuschen uns illegal ins Handwerk. Die EU will ebenfalls keine Heilpraktiker und möchte unseren Sonderstatus in Europa zu Fall bringen. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir etwas gegen all diese Negativströmungen unternehmen. Was aber können wir tun?

Zunächst einmal müssen wir in der Öffentlichkeit anders - vor allem geschlossener - auftreten, unser Image verbessern und engere Kontakte zu den wichtigen Gesundheitspolitikern suchen. In etlichen Verbänden stehen in diesem Jahr Vorstandswahlen an. Da liegt es an jedem einzelnen, die Kandidaten sorgfältig zu prüfen und nur die Besten in die Vorstände zu wählen. Junges Blut und neue Gesichter könnten Positives bewirken. Es muss endlich Schluss sein mit den alten Seilschaften, die sich mittlerweile verbraucht haben und keine wichtigen Impulse mehr setzen können. Neue Spitzenfunktionäre sollten dann auch den Mut haben, über den Tellerrand des eigenen Verbandes hinauszugucken und für mehr Geschlossenheit im Berufsstand sorgen.

Wenn wir diese Einigkeit erzielt haben, sollten wir gemeinsam die Qualitätssicherung unserer Praxen angehen. Nicht mit einem unnützen Punkte-System, sondern mit offizieller Zertifizierung, die uns ein allgemein anerkanntes Qualitätssiegel verleiht. Sobald wir unsere Qualifikation richtig unter Beweis stellen können, werden uns Beihilfestellen, Versicherungen und Behörden als vollwertig akzeptieren und uns nicht in unserer wirtschaftlichen Existenz beschneiden.

Doch bevor wir uns auf andere verlassen, ist in unserem Berufsstand selbst die Reform angesagt und - wie eingangs erwähnt - wird sie für uns alle unbequem sein. Aber als Lohn winkt uns eine sichere Zukunft. Also packen Sie es an!