Meine Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 6/2004

Auf unserer Jahreshauptversammlung, die wieder sehr harmonisch verlief, war doch die Stimmung im Kollegenkreis etwas gedrückt. Das neue Jahr hatte sich nicht überall positiv vorgestellt. Es wurde berichtet von Umsatzeinbrüchen, zunehmender Leistungsverweigerung bei PKV und Post und schlechter Zahlungsmoral der Patienten. Es wurde aber auch deutlich Klage geführt über unlautere Konkurrenz in der Grauzone, ebenso über die zunehmende Zahl von so genannten "Muttchen-Praxen" mit Behandlungen im Gästezimmer der Wohnung, vielleicht sogar in der guten Stube. Es hat mich schon immer gewundert, dass die offizielle Statistik der Gesundheitsämter über Jahre gleich bleibend die Zahl der Naturheilpraxen benennt, wo doch zu den Überprüfungen die Kandidaten in großer Zahl nur so strömen. Trotz der hohen Durchfallquote müsste sich die Zahl der behandelnden Hp sprunghaft erhöht haben. Das ist aber nicht so! In den vorgenannten Hinterzimmer-Behandlungen dürfte die Ursache zu suchen sein. Dass diese Art der Berufsausübung unserem Image abträglich ist, muss ich nicht extra erwähnen.

Unsere Praxen müssen keineswegs üppig sein, aber sie sollten ein ansprechendes Ambiente haben. Außerdem darf vermutet werden, dass Hinterzimmerpraxen dem Finanzamt nicht immer bekannt sind. Zudem dürfte sich bei dieser Behandlungsform auch das Kostenbild zu unserem Nachteil verschieben. Es werden Billigtarife angeboten, die für eine Vollzeitpraxis wirtschaftlich indiskutabel sind. In unserem ureigensten Interesse sollten wir "Muttchen-Praxen" nicht unterstützen. Unlautere Konkurrenz in der Grauzone erleben wir auch durch Physiotherapeuten, Fußpfleger, Biopraktiker u.a. Dagegen verlassen nach dem Münchener urteil die Geistheiler jetzt diese Zone und dürfen sich neben und ganz offen etablieren und liquidieren.

Dass die Leistungsverweigerungen ringsherum zunehmen, konnte ich - belegt durch meine Arbeit - unseren Mitgliedern nur bestätigen. Dagegen kann man gegen die schlechte Zahlungsmoral, die tatsächlich zunimmt, etwas tun. Ich predige immer wieder: "Kassieren Sie nach jeder Behandlung! Legen Sie im Wartezimmer eine Preisliste aus!" Bei versicherten Patienten kann am Ende der Therapie oder monatlich eine Rechnung nach GeBüH erstellt werden. Stärken Sie Ihre Liquidität, indem Sie Außenstände vermeiden. Die Patienten akzeptieren diese Maßnahme. Es gibt keine Differenzen um die Bezahlung ihrer Therapie, wenn die "Erinnerung daran frisch" ist.

Trotz all dieser bedrückenden Nachrichten scheint es aber für unseren Berufsstand Hoffnung zu geben. Der Präsident des größten Berufsverbandes sieht dank seines "unermüdlichen Einsatzes", den er sich vorsichtshalber in seiner Verbandszeitung auf drei Seiten schon mal selbst bescheinigt, Licht am Ende des Tunnels. Er beschreibt unsere Zukunft rosarot. Keineswegs möchte ich zu dieser Eigenlaudatio ein altes Sprichwort bemühen. Wenn doch nun endlich alle begreifen, dass dieser Funktionär die hohe "Aufwands"entschädigung für ein Ehrenamt (?), die er bei seinem Verband für sich eingefordert hat, auch wert ist! Da sind doch Beitragsgelder wirklich gut angelegt!! Besser wäre es aber wohl, wenn diese "Arbeitsleistung" nicht nur seitenlang Selbstverständlichkeiten und Tätigkeiten beschrieben würde, die eine gute Angestellte alleine erledigen könnte, sondern auch mal spürbar würde, was denn statt Alibigesprächen und Büroarbeit für den Berufsstand heraus kommt - zum Beispiel Konzepte für die Zukunft, Visionen und Perspektiven fehlen mir da. Wenn vor zehn Jahren der Heilpraktiker noch das "zweite Bein in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung" war, sich heute aber als zweiter Heilberuf längst andere bezeichnen können und weitere sich etablieren, ist die selbst belobte "Erfolgsbilanz" doch sehr fraglich. Noch besser wäre es, wenn - wie auch bei den Ärztefunktionären - die Hp-Verbandsmanager, die ja sicher vor allem aus Idealismus arbeiten, gläserne Taschen hätten. Auch die Funktionäre nutzen kein eigenes Geld. Sie haben nur das Geld der Mitglieder! Dann könnte die Kollegenschaft an der Basis das richtige Verhältnis von Leistung und Salär selbst beurteilen.