Ich hoffe, dass Sie alle eine schöne Urlaubszeit hatten und
nun mit frischem Mut wieder an die Arbeit gehen. Eigentlich haben wir doch einen
tollen Beruf, auch wenn der Praxisalltag manchmal einige Schattenseiten aufweist.
Oft sind diese selbst gestrickt, weil es immer wieder Mängel in der Praxisführung
gibt. Aber recht häufig werden sie verursacht von schlechtem beruflichen Management
unserer "Führungselite".
Bleiben wir zunächst bei den eigenen Fehlern:
Vielfach fehlt das nötige Praxismarketing. Kaufmännische Grundbegriffe sind
einfach nötig, um eine Praxis auch wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Mit
"roten Zahlen" kann niemand lange überleben. Insbesondere trifft dies zu auf
neu- gegründete Praxen. Werden sie nicht nach einem Finanzplan straff geführt,
haben sie kaum Überlebenschancen. Zum Praxismanagement zählt auch die Werbung.
Sie ist nötig, soll aber dem HWG entsprechen, nicht reißerisch sein (Sonderangebote,
Rabatte etc.) und vor allem für jedermann verständlich sein. Wenn vor Jahren
für die freien Berufe gar keine Werbung möglich war, ist uns dies heute nach
den vorgenannten Kriterien erlaubt. Trotzdem kommt es immer wieder zu einer
Flut von Abmahnungen, teils berechtigt, teils unnötig, oder mit dem Hintergedanken
abzuzocken, wie das einige Abmahngesellschaften betreiben. Vorsicht, hier sollte
jeder Betroffene zunächst seinen RA befragen. Aber auch Spitzenfunktionäre aus
der Präsidentenrunde beteiligen sich an diesem makaberen Treiben. Statt die
Kollegenschaft mit einem höflichen Abmahnschreiben über mögliche Werbefehler
aufzuklären, wird sofort ein Klageverfahren eingeleitet. Ich berichtete Ihnen
bereits von einem Vergleich, der vor dem Gericht für Handels- fragen in Hildesheim
stattgefunden hatte, ein Verfahren, das praktisch unnötig war. Nur die betroffene
Heilpraktikerin hatte dafür € 6.000,-- zu zahlen. Für die klagende Präsidentin
zahlte der Verband, sprich seine beitragszahlenden Mitglieder! Ebenso lief es
in Bayern:
Die Präsidentin hatte mit falschen Anschuldigungen einen Kollegen verklagt,
musste nun die Klage zurücknehmen und dem betroffenen Hp alle Auslagen erstatten
(ca. € 7.000,--, Scheck kam vom Verband), dazu noch die eigenen Kosten.
Überlegen Sie nur, wie viel Beiträge dafür verschleudert wurden!
Bedenkt man dagegen, wie wenig Geld die großen Verbände in eine PR-Kampagne
für unseren Berufsstand investieren (nichts !!!), dann läuft doch offensichtlich
etwas bei uns schief.
Dies ist allerdings nicht der einzige Missstand, der mir Sorgen bereitet. Denn
er ließe sich leicht beheben, indem der betroffene Verband bei der nächsten
Wahl seine Führungsspitze auswechselt. Tut er es nicht, gilt für seine Mitglieder
das alte Sprichwort: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber!"
Weit mehr drückt mich die Untätigkeit, die Zukunft unseres Berufsstandes zu
sichern. Da schwadroniert der oberste Präsident - primus inter pares in der
DDH - über das Wörtchen "wir", wenn es öffentlich von irgendwelchen Hps verwendet
wird. Nur er ist leider auch nicht "wir", jedenfalls nicht so effektiv, wie
"wir" es uns wünschen.
Ich persönlich - aber das ist nicht maßgeblich - traue ihm nicht zu, dass er
unseren Berufsstand in eine sichere Zukunft führt. Er kann sich von alten Seilschaften
nicht Trennen, duldet das Gutachterunwesen, zaudert, wenn es um Existenzfragen
geht (siehe Procain + Lidocain) und hat kein tragfähiges Aus- und Fortbildungsprogramm.
Darüber hinaus mag er durchaus ein guter Golfcaptain und ein akribischer Verwalter
des FDH-Vermögens sein. Aber das reicht leider nicht!
Er "zertifiziert" auf seine Art. Nur so wird es künftig nicht gehen! Wenn auch
die Zertifizierung nach Iso 9001 z.Z. noch auf Widerstand stößt, weil die Kollegenschaft
die Kosten scheut, wird sie doch kommen und die einzige Alternative sein, unseren
Berufsstand in eine gesicherte Zukunft zu führen. Außer unserem kleinen Verband
beschäftigen sich noch zwei größere Verbände damit, ihre Mitglieder auf eine
optimale Praxisführung vorzubereiten, in der für jedermann sichtbar Ausbildung,
Fortbildung, Praxisführung, Therapieangebote und -schwerpunkte dokumentiert
werden.
KDH und EFN arbeiten mit anderen europäischen Verbänden an einem Ausbildungs-
modell, das europaweit Zukunft haben soll und uns Hp darin einen sicheren Platz
lässt. Je mehr die EU zusammenwächst, desto mehr wird unsere Zukunft aus Brüssel
bestimmt.
Bis es endlich soweit kommt, ist es sicherlich eine Überlegung wert, wie man
in unserem Land Fortbildung mit der Industrie bündeln kann. Es reicht da leider
nicht, wenn sich der "höchste Präsident" über "Kaffeekränzchen" und "Hp-Abfütterung"
der Pharma-Industrie, für die es dann noch Punkte gibt, mokiert. Auch ich halte
nicht alle diese Veranstaltungen für wirklich "fortbildend", aber meckern reicht
nicht ! Man muß von höchster Stelle mit der Industrie reden und gemeinsam nach
einem Optimum suchen. Die Industrie bringt mit diesen Veranstaltungen sicher
ein großes finanzielles Opfer, das sich vielleicht besser steuern ließe, wenn
wir es gemeinsam angehen. Dabei sollten wir in den Pharmabetrieben Partner sehen
und nicht nur auf ihre Spendierhosen schauen. Schon heute können viele Betriebe
die Kosten für Inserate in unseren Fachorganen, die Gebühren für Ausstellungsstände
und die enormen Bemusterungswünsche kaum noch aufbringen. Leitet man aber die
gemeinsam verfügbaren Mittel (Beitragsgelder für Fortbildung statt Prozesse)
in einen Topf, hätte man ein beachtliches Potential, die Heilpraktikerschaft
erstklassig aus- und fortzubilden.
Aber auch in den einzelnen Praxen müsste etwas passieren. Wir sollten bereit
sein, Hospitanten anzunehmen und im praktischen Alltag auszubilden. Als ehemaliger
Prüfungsbeisitzer weiß ich nur zu gut, dass die Prüflinge theoretisch auf die
Prüfung gut vorbereitet wurden, dass ihnen aber jegliche Praxiserfahrung fehlt.
Dies ist ein Defizit, das schnellstens behoben werden muß und das wir selbst
lösen können ohne Gesetze und Aufsichtsbehörden. Dieses Manko ist vielfach auch
der Grund, warum Praxisneugründungen die ersten beiden Jahre nicht überstehen.
Immer wieder stelle ich bei HpAs fest, dass Praxismarketing und der Umgang mit
dem GebüH für sie Fremdworte sind.
Liebe KollegInnen, Sie sehen, dass es in unserem Berufsstand noch sehr viel
zu tun gibt. Wir sollten uns dabei nicht auf andere verlassen, sondern selbst
zugreifen. Jeder von uns ist gefordert, besonders die jüngere Generation! Gerade
sie sollte jetzt nachrücken in die oberste Funktionärsriege, dabei aber nicht
ans Abkassieren denken, sondern mit Idealismus unsere Zukunft gestalten.
Das wünsche ich mir von ganzem Herzen. Denn für uns Alten wird es langsam Zeit,
Abschied zu nehmen aus führenden Ämtern. Mit unserer langjährigen Erfahrung
wollen wir noch raten, aber die Taten gehören in jüngere Hände.