Meine Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 7-8/2007

Ich hoffe, dass Sie alle eine schöne Urlaubszeit hatten und nun mit frischem Mut wieder an die Arbeit gehen. Eigentlich haben wir doch einen tollen Beruf, auch wenn der Praxisalltag manchmal einige Schattenseiten aufweist. Oft sind diese selbst gestrickt, weil es immer wieder Mängel in der Praxisführung gibt. Aber recht häufig werden sie verursacht von schlechtem beruflichen Management unserer "Führungselite".

Bleiben wir zunächst bei den eigenen Fehlern:
Vielfach fehlt das nötige Praxismarketing. Kaufmännische Grundbegriffe sind einfach nötig, um eine Praxis auch wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Mit "roten Zahlen" kann niemand lange überleben. Insbesondere trifft dies zu auf neu- gegründete Praxen. Werden sie nicht nach einem Finanzplan straff geführt, haben sie kaum Überlebenschancen. Zum Praxismanagement zählt auch die Werbung. Sie ist nötig, soll aber dem HWG entsprechen, nicht reißerisch sein (Sonderangebote, Rabatte etc.) und vor allem für jedermann verständlich sein. Wenn vor Jahren für die freien Berufe gar keine Werbung möglich war, ist uns dies heute nach den vorgenannten Kriterien erlaubt. Trotzdem kommt es immer wieder zu einer Flut von Abmahnungen, teils berechtigt, teils unnötig, oder mit dem Hintergedanken abzuzocken, wie das einige Abmahngesellschaften betreiben. Vorsicht, hier sollte jeder Betroffene zunächst seinen RA befragen. Aber auch Spitzenfunktionäre aus der Präsidentenrunde beteiligen sich an diesem makaberen Treiben. Statt die Kollegenschaft mit einem höflichen Abmahnschreiben über mögliche Werbefehler aufzuklären, wird sofort ein Klageverfahren eingeleitet. Ich berichtete Ihnen bereits von einem Vergleich, der vor dem Gericht für Handels- fragen in Hildesheim stattgefunden hatte, ein Verfahren, das praktisch unnötig war. Nur die betroffene Heilpraktikerin hatte dafür € 6.000,-- zu zahlen. Für die klagende Präsidentin zahlte der Verband, sprich seine beitragszahlenden Mitglieder! Ebenso lief es in Bayern:
Die Präsidentin hatte mit falschen Anschuldigungen einen Kollegen verklagt, musste nun die Klage zurücknehmen und dem betroffenen Hp alle Auslagen erstatten (ca. € 7.000,--, Scheck kam vom Verband), dazu noch die eigenen Kosten.
Überlegen Sie nur, wie viel Beiträge dafür verschleudert wurden!
Bedenkt man dagegen, wie wenig Geld die großen Verbände in eine PR-Kampagne für unseren Berufsstand investieren (nichts !!!), dann läuft doch offensichtlich etwas bei uns schief.
Dies ist allerdings nicht der einzige Missstand, der mir Sorgen bereitet. Denn er ließe sich leicht beheben, indem der betroffene Verband bei der nächsten Wahl seine Führungsspitze auswechselt. Tut er es nicht, gilt für seine Mitglieder das alte Sprichwort: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber!"
Weit mehr drückt mich die Untätigkeit, die Zukunft unseres Berufsstandes zu sichern. Da schwadroniert der oberste Präsident - primus inter pares in der DDH - über das Wörtchen "wir", wenn es öffentlich von irgendwelchen Hps verwendet wird. Nur er ist leider auch nicht "wir", jedenfalls nicht so effektiv, wie "wir" es uns wünschen.

Ich persönlich - aber das ist nicht maßgeblich - traue ihm nicht zu, dass er unseren Berufsstand in eine sichere Zukunft führt. Er kann sich von alten Seilschaften nicht Trennen, duldet das Gutachterunwesen, zaudert, wenn es um Existenzfragen geht (siehe Procain + Lidocain) und hat kein tragfähiges Aus- und Fortbildungsprogramm. Darüber hinaus mag er durchaus ein guter Golfcaptain und ein akribischer Verwalter des FDH-Vermögens sein. Aber das reicht leider nicht!
Er "zertifiziert" auf seine Art. Nur so wird es künftig nicht gehen! Wenn auch die Zertifizierung nach Iso 9001 z.Z. noch auf Widerstand stößt, weil die Kollegenschaft die Kosten scheut, wird sie doch kommen und die einzige Alternative sein, unseren Berufsstand in eine gesicherte Zukunft zu führen. Außer unserem kleinen Verband beschäftigen sich noch zwei größere Verbände damit, ihre Mitglieder auf eine optimale Praxisführung vorzubereiten, in der für jedermann sichtbar Ausbildung, Fortbildung, Praxisführung, Therapieangebote und -schwerpunkte dokumentiert werden.
KDH und EFN arbeiten mit anderen europäischen Verbänden an einem Ausbildungs- modell, das europaweit Zukunft haben soll und uns Hp darin einen sicheren Platz lässt. Je mehr die EU zusammenwächst, desto mehr wird unsere Zukunft aus Brüssel bestimmt.
Bis es endlich soweit kommt, ist es sicherlich eine Überlegung wert, wie man in unserem Land Fortbildung mit der Industrie bündeln kann. Es reicht da leider nicht, wenn sich der "höchste Präsident" über "Kaffeekränzchen" und "Hp-Abfütterung" der Pharma-Industrie, für die es dann noch Punkte gibt, mokiert. Auch ich halte nicht alle diese Veranstaltungen für wirklich "fortbildend", aber meckern reicht nicht ! Man muß von höchster Stelle mit der Industrie reden und gemeinsam nach einem Optimum suchen. Die Industrie bringt mit diesen Veranstaltungen sicher ein großes finanzielles Opfer, das sich vielleicht besser steuern ließe, wenn wir es gemeinsam angehen. Dabei sollten wir in den Pharmabetrieben Partner sehen und nicht nur auf ihre Spendierhosen schauen. Schon heute können viele Betriebe die Kosten für Inserate in unseren Fachorganen, die Gebühren für Ausstellungsstände und die enormen Bemusterungswünsche kaum noch aufbringen. Leitet man aber die gemeinsam verfügbaren Mittel (Beitragsgelder für Fortbildung statt Prozesse) in einen Topf, hätte man ein beachtliches Potential, die Heilpraktikerschaft erstklassig aus- und fortzubilden.
Aber auch in den einzelnen Praxen müsste etwas passieren. Wir sollten bereit sein, Hospitanten anzunehmen und im praktischen Alltag auszubilden. Als ehemaliger Prüfungsbeisitzer weiß ich nur zu gut, dass die Prüflinge theoretisch auf die Prüfung gut vorbereitet wurden, dass ihnen aber jegliche Praxiserfahrung fehlt. Dies ist ein Defizit, das schnellstens behoben werden muß und das wir selbst lösen können ohne Gesetze und Aufsichtsbehörden. Dieses Manko ist vielfach auch der Grund, warum Praxisneugründungen die ersten beiden Jahre nicht überstehen. Immer wieder stelle ich bei HpAs fest, dass Praxismarketing und der Umgang mit dem GebüH für sie Fremdworte sind.

Liebe KollegInnen, Sie sehen, dass es in unserem Berufsstand noch sehr viel zu tun gibt. Wir sollten uns dabei nicht auf andere verlassen, sondern selbst zugreifen. Jeder von uns ist gefordert, besonders die jüngere Generation! Gerade sie sollte jetzt nachrücken in die oberste Funktionärsriege, dabei aber nicht ans Abkassieren denken, sondern mit Idealismus unsere Zukunft gestalten.
Das wünsche ich mir von ganzem Herzen. Denn für uns Alten wird es langsam Zeit, Abschied zu nehmen aus führenden Ämtern. Mit unserer langjährigen Erfahrung wollen wir noch raten, aber die Taten gehören in jüngere Hände.