Ganz gewiss haben Sie auch schon einmal geträumt. Wenn es
kein Albtraum war, war es sicher ein Wunsch. Einen solchen Wunschtraum habe
ich häufig. Mir träumt dann, alle Hp seien sich einig. Wir wären ein großer
starker Berufsstand, den alle ernst nehmen. Nicht zersplittert in viele Verbände,
Vereine oder Gruppierungen.
Dafür hätten wir einen wirkungsvollen Dachverband für alle zugelassenen Hps,
ähnlich wie die Ärzte oder Anwälte ihre Kammern haben. Unter diesem Verwaltungsdach
gliedert sich der Berufsstand nach Regionen auf, die demokratisch in festgelegten
Zeitabschnitten einen Sprecher und den Präsidenten wählen, der dem Dachverband
vorsteht und den Berufsstand repräsentiert. Die gewählten in jeder Ebene müssten
stets Hps sein. Doch die Geschäftsführung, die das Management der Heilpraktikerschaft
verwaltet, muss aus Fachleuten bestehen (Rechtsanwälte, Steuerberater, Betriebsswirte,
Pädagogen), die angestellt und entsprechend ihrer Leistungen bezahlt werden.
Denn unser Berufsstand kann nicht von Laien verwaltet werden, die möglicherweise
über medizinisches Wissen verfügen, aber in allen anderen Bereichen nicht firm
sind. An der Spitze des Managements steht ein Geschäftsführer als "Primus inter
pares".
Der Präsident kann zweimal für eine Wahlperiode gewählt werden und bekommt eine
angemessene Aufwandsentschädigung, weil dieser Job eigene Praxisarbeit nicht
mehr ermöglicht. Die regionalen Obmänner erhalten Spesen und Tagungsgeld. Idealismus
und Engagement für den Beruf kann man nicht bezahlen, das muss man mitbringen.
Auf diese Weise würden nicht mehr - wie jetzt - soviel Beitragsgelder in Pöstchen
versickern. Auch die Einnahmen der Großveranstaltungen flössen in den gemeinsamen
Etat und nicht unkontrollierbar in irgendwelche Taschen.
Schulung und Weiterbildung würden einheitlich gesteuert. Finanzmittel könnten
vermehrt für Bildung und PR ausgegeben werden. Durch Zertifizierung ließen sich
unsere Praxen aufwerten. Das würde auch bei den Patienten mehr Vertrauen schaffen.
Es gäbe kein Gutachterunwesen mehr, und eine schlagkräftige Rechtsabteilung
könnte die Therapeuten bei ihrer Arbeit beraten und schützen. Der ständige Ärger
mit Leistungsträgern wäre Vergangenheit. Niemand zweifelt daran, dass Einigkeit
stark macht. Ein geeinter Berufsstand hat überall stärkeres Gewicht, in der
Öffentlichkeit, in der Gesundheitspolitik und nicht zuletzt an der eigenen Basis
selbst. Jeder einzelne Hp bekommt mehr Selbstwertgefühl, wird anders wahrgenommen
und kann stolz auf seinen Beruf sein.
Dies ist mein ständiger Wunschtraum, eine schöne Vision. Doch wenn ich dann
aufwache und in die Wirklichkeit zurückfinde, bin ich jedes Mal frustriert.
Es erwartet mich genau das Gegenteil: Ein zerrissener Berufsstand, geführt von
profilneurotischen Spitzenfunktionären, die nur den eigenen materiellen Vorteil
im Auge haben, schlechte PR, noch schlechteres Image in der Öffentlichkeit,
keine solide einheitliche Aus- und Fortbildung, keine Zertifizierung der Praxen,
dafür Gutachterunwesen, fehlendes Praxismanagement und häufige Insolvenzen.
Das Gesamtbild ist so desolat, dass es für unseren Berufsstand wirklich "fünf
vor zwölf" ist, wenn nicht gar schon später. Mit unserem jetzigen Führungspersonal
ist die Hp-schaft kein Zukunftsmodell. Damit können wir weder die Probleme meistern,
die uns die Gesundheitsreform beschert hat, noch den Überraschungen begegnen,
die die EU noch für uns bereit hält. In der Politik werden wir nicht gehört.
Man nimmt uns erst gar nicht wahr!
Das Gerangel um "Lidocain und Procain" war wieder mal das beste Lehrbeispiel.
Alle Präsidenten haben sich voller Selbstlob Verdienste zugeschrieben - unverdientermaßen
- nach der Devise "der Erfolg hat viele Väter". Aber nur ein Funktionär hat
wirklich etwas bewirkt. Auch wenn die Situation noch unklar ist, wollen wir
zu unser aller Wohl hoffen, dass ihm Erfolg beschieden war. Erfolgreich aber
könnten wir sein, wenn wir mit einer Stimme reden würden. Auch ohne eine Lobby
zu haben, würden wir dann ernst genommen, selbst bei den Gesundheitspolitikern.
Das Präsidenten-Eigenlob dagegen wird nur belächelt, selbst in den eigenen Reihen.
Ich weiß, dass meine Aufrufe zu Reformen viele stören, insbesondere unsere Funktionäre.
Aber ich sehe, dass die augenblickliche Berufspolitik ins Abseits führt, nur
einigen wenigen Vorteile verschafft, doch den Behandlern an der Basis die Existenz
nehmen wird. Als betagter Rentner weiß ich, dass meine Arbeitszeit nur noch
begrenzt ist. Aber wir Alten haben Verantwortung für die nachfolgenden Generationen,
denen wir ein gut bestelltes Haus übergeben sollten. Deshalb fühle ich mich
noch immer mit in der Verantwortung, unseren schönen Beruf zukunftssicher zu
machen. Leider kann ich allein die vielen Mängel nicht abstellen, unser kleiner
Verband der Berufshilfe, der aus der Not heraus gegründet wurde, ebenfalls nicht.
Ich kann nur immer wieder die Probleme, die für uns anstehen, aufzeigen und
hoffen, dass die Kollegenschaft wach wird und zu Änderungen bereit ist. Wir
sollten wirklich nicht warten, bis man von außen den Schlüssel in unserer Praxis-Tür
umdreht. Deshalb immer wieder mein Aufruf: Helfen Sie mit! Für die Wahl unserer
Funktionäre ist jeder von uns mitverantwortlich. Treffen Sie also die richtige
Wahl! Es ist wirklich die höchste Zeit!
Mein "Wunschtraum" verfolgt mich weiterhin. Vielleicht wird er ja dann dank
Ihrer Hilfe einmal Wirklichkeit.