Meine Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 9/2005

Ganz gewiss haben Sie auch schon einmal geträumt. Wenn es kein Albtraum war, war es sicher ein Wunsch. Einen solchen Wunschtraum habe ich häufig. Mir träumt dann, alle Hp seien sich einig. Wir wären ein großer starker Berufsstand, den alle ernst nehmen. Nicht zersplittert in viele Verbände, Vereine oder Gruppierungen.
Dafür hätten wir einen wirkungsvollen Dachverband für alle zugelassenen Hps, ähnlich wie die Ärzte oder Anwälte ihre Kammern haben. Unter diesem Verwaltungsdach gliedert sich der Berufsstand nach Regionen auf, die demokratisch in festgelegten Zeitabschnitten einen Sprecher und den Präsidenten wählen, der dem Dachverband vorsteht und den Berufsstand repräsentiert. Die gewählten in jeder Ebene müssten stets Hps sein. Doch die Geschäftsführung, die das Management der Heilpraktikerschaft verwaltet, muss aus Fachleuten bestehen (Rechtsanwälte, Steuerberater, Betriebsswirte, Pädagogen), die angestellt und entsprechend ihrer Leistungen bezahlt werden. Denn unser Berufsstand kann nicht von Laien verwaltet werden, die möglicherweise über medizinisches Wissen verfügen, aber in allen anderen Bereichen nicht firm sind. An der Spitze des Managements steht ein Geschäftsführer als "Primus inter pares".

Der Präsident kann zweimal für eine Wahlperiode gewählt werden und bekommt eine angemessene Aufwandsentschädigung, weil dieser Job eigene Praxisarbeit nicht mehr ermöglicht. Die regionalen Obmänner erhalten Spesen und Tagungsgeld. Idealismus und Engagement für den Beruf kann man nicht bezahlen, das muss man mitbringen. Auf diese Weise würden nicht mehr - wie jetzt - soviel Beitragsgelder in Pöstchen versickern. Auch die Einnahmen der Großveranstaltungen flössen in den gemeinsamen Etat und nicht unkontrollierbar in irgendwelche Taschen.

Schulung und Weiterbildung würden einheitlich gesteuert. Finanzmittel könnten vermehrt für Bildung und PR ausgegeben werden. Durch Zertifizierung ließen sich unsere Praxen aufwerten. Das würde auch bei den Patienten mehr Vertrauen schaffen. Es gäbe kein Gutachterunwesen mehr, und eine schlagkräftige Rechtsabteilung könnte die Therapeuten bei ihrer Arbeit beraten und schützen. Der ständige Ärger mit Leistungsträgern wäre Vergangenheit. Niemand zweifelt daran, dass Einigkeit stark macht. Ein geeinter Berufsstand hat überall stärkeres Gewicht, in der Öffentlichkeit, in der Gesundheitspolitik und nicht zuletzt an der eigenen Basis selbst. Jeder einzelne Hp bekommt mehr Selbstwertgefühl, wird anders wahrgenommen und kann stolz auf seinen Beruf sein.

Dies ist mein ständiger Wunschtraum, eine schöne Vision. Doch wenn ich dann aufwache und in die Wirklichkeit zurückfinde, bin ich jedes Mal frustriert. Es erwartet mich genau das Gegenteil: Ein zerrissener Berufsstand, geführt von profilneurotischen Spitzenfunktionären, die nur den eigenen materiellen Vorteil im Auge haben, schlechte PR, noch schlechteres Image in der Öffentlichkeit, keine solide einheitliche Aus- und Fortbildung, keine Zertifizierung der Praxen, dafür Gutachterunwesen, fehlendes Praxismanagement und häufige Insolvenzen. Das Gesamtbild ist so desolat, dass es für unseren Berufsstand wirklich "fünf vor zwölf" ist, wenn nicht gar schon später. Mit unserem jetzigen Führungspersonal ist die Hp-schaft kein Zukunftsmodell. Damit können wir weder die Probleme meistern, die uns die Gesundheitsreform beschert hat, noch den Überraschungen begegnen, die die EU noch für uns bereit hält. In der Politik werden wir nicht gehört. Man nimmt uns erst gar nicht wahr!

Das Gerangel um "Lidocain und Procain" war wieder mal das beste Lehrbeispiel. Alle Präsidenten haben sich voller Selbstlob Verdienste zugeschrieben - unverdientermaßen - nach der Devise "der Erfolg hat viele Väter". Aber nur ein Funktionär hat wirklich etwas bewirkt. Auch wenn die Situation noch unklar ist, wollen wir zu unser aller Wohl hoffen, dass ihm Erfolg beschieden war. Erfolgreich aber könnten wir sein, wenn wir mit einer Stimme reden würden. Auch ohne eine Lobby zu haben, würden wir dann ernst genommen, selbst bei den Gesundheitspolitikern. Das Präsidenten-Eigenlob dagegen wird nur belächelt, selbst in den eigenen Reihen. Ich weiß, dass meine Aufrufe zu Reformen viele stören, insbesondere unsere Funktionäre. Aber ich sehe, dass die augenblickliche Berufspolitik ins Abseits führt, nur einigen wenigen Vorteile verschafft, doch den Behandlern an der Basis die Existenz nehmen wird. Als betagter Rentner weiß ich, dass meine Arbeitszeit nur noch begrenzt ist. Aber wir Alten haben Verantwortung für die nachfolgenden Generationen, denen wir ein gut bestelltes Haus übergeben sollten. Deshalb fühle ich mich noch immer mit in der Verantwortung, unseren schönen Beruf zukunftssicher zu machen. Leider kann ich allein die vielen Mängel nicht abstellen, unser kleiner Verband der Berufshilfe, der aus der Not heraus gegründet wurde, ebenfalls nicht. Ich kann nur immer wieder die Probleme, die für uns anstehen, aufzeigen und hoffen, dass die Kollegenschaft wach wird und zu Änderungen bereit ist. Wir sollten wirklich nicht warten, bis man von außen den Schlüssel in unserer Praxis-Tür umdreht. Deshalb immer wieder mein Aufruf: Helfen Sie mit! Für die Wahl unserer Funktionäre ist jeder von uns mitverantwortlich. Treffen Sie also die richtige Wahl! Es ist wirklich die höchste Zeit!

Mein "Wunschtraum" verfolgt mich weiterhin. Vielleicht wird er ja dann dank Ihrer Hilfe einmal Wirklichkeit.