Unsere Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 11/2002

Die Wahl liegt hinter uns. Der Pulverdampf der letzten Gefechte ist verflogen. Auch die schrillen Töne einiger Wahlkämpfer sind verklungen. Das Wahlergebnis allerdings dürfte keinen befriedigen. Die Pattsituation (Bundestag/Bundesrat) lässt Reformen und Fortschritt nicht erhoffen. Dabei stehen reichlich ungelöste Probleme an.

Dass sich vor der Wahl Berufsverbände, Wirtschaftsorganisationen, Gewerkschaften, Ärzteschaft und der Finanzmarkt zu Wort gemeldet hatten, ist nicht ungewöhnlich... Zu vermissen waren in diesem Konzert die Spitzenfunktionäre unseres Berufsstandes. Sie haben sich nur durch Schweigen ausgezeichnet, weder versucht auf die Bundestagskandidaten, noch zu künftiger Gesundheitspolitik eine Stellungnahme abgegeben.

Anders dagegen die Ärzteschaft, nämlich der Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahren (ZÄN). In der "Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren", Ausgabe 8/02, behauptete Dr. med. Martin Adler: "Hp sollen in die GKV aufgenommen werden und eine fast (!) ärztliche Therapieaufwertung erfahren, sofern Herr Stoiber Kanzler wird." Begründung: die Stoiber-Tochter Eva sei Heilpraktikerin mit TCM in München und deshalb würde das HPG geändert. Er vermutete und unterstellte, dass bayrische Amigos gleich nach der Machtübernahme die Republik umkrempeln und damit die Ärzteschaft gefährden, besonders den ZÄN, weil angeblich für eine Stoiber-Tochter als Heilpraktikerin gesorgt sein soll.

Bislang war es jedoch umgekehrt. Die Ärzte für Naturheilverfahren mit Kassenzulassung sind in unsere Klientel eingebrochen. Aber die Polemik des Dr. Adler dürfte ein Windei sein. Nach unseren Recherchen gibt es keine Stoiber-Tochter Eva, wohl aber die Töchter Constanze und Veronika. Erstere ist Rechtsanwältin im Mutterschaftsurlaub, letztere Jura-Studentin vor dem Examen. Nun kann Dr. Adler ohnehin aufatmen, so er denn an seine Äußerung selbst geglaubt hat. Ein(e) rot-grüner Gesundheitsminister(in) wird das HPG in diesem Sinne nicht ändern.

Ob auch wir Hp bei weiteren vier Jahren rot-grüner Gesundheitspolitik aufatmen können, sei dahingestellt. Als wir in der vergangenen Legislaturperiode glaubten, die Grünen würden sich für die Naturheilkunde engagieren, war das ein freundlicher Irrtum.

Deshalb sollte jeder von uns, der glaubt, politisch die Wahl gewonnen zu haben, Obacht geben, dass er wirtschaftlich nicht verliert. Angesichts der derzeitigen Pattsituation können wir weder auf eine Belebung des Arbeitsmarktes noch auf dringend nötige Reformschritte hoffen, so dass die öffentlichen Kassen leer bleiben werden. Folglich ist die derzeitige Problematik im Gesundheits- und Rentenwesen nicht zu lösen. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass die verantwortlichen Politiker versuchen werden, uns mit Finessen, zweifelhaften Experimenten und Versprechungen über die bedrohliche Lage hinwegzutäuschen - wie bisher.

Zu erwarten sind weitere Steuererhöhungen, die den Geldfluss - besonders "die kleinen Leute" noch mehr verknappen. Künftig bleibt noch weniger Geld für Konsum und freiwillige Gesundheitsvorsorge. Das betrifft dann auch unseren Berufsstand. So kann ich nur jedem Praxisinhaber raten, die kaufmännische Schiene stärker im Blick zu haben.

Auch wenn es für uns keine GKV-Zulassung geben wird, müssen wir unsere Berufspolitik und die Öffentlichkeitsarbeit deutlich verbessern und zwar gemeinsam. Der Kleinkrieg der Funktionäre untereinander muss ein Ende haben. Dann braucht sich unsere Berufsstand für die Zukunft nicht zu ängstigen.