Unsere Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 1-2/2003

Das neue Jahr hat begonnen. Der Ausblick ist ringsum nicht rosig. Weltpolitisch ist die Kriegsgefahr keineswegs gebannt, eher gestiegen. Innenpolitisch steigen die Steuern, Preise und auch die Arbeitslosigkeit. Das Geld wird knapper, der Konsum hinkt, die Wirtschaftsprognosen sind pessimistisch. Die überwiegende Meinung der Bürger ebenso.

Berufspolitisch liegen wir hier durchaus im Trend. Wir haben keinen Grund zum Jubeln. Viele ungelöste Probleme haben wir mit über den Jahreswechsel genommen, etliche davon hausgemacht. Wenn die Aussage meines zuständigen Amtsarztes stimmt, zählt unser Berufsstand 15.500 HeilpraktikerInnen. Davon haben angeblich nur 20 Prozent eine Vollerwerbspraxis. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer von den Politikern oder Parteien legt sich schon für 3.000 Berufsangehörige ins Zeug?! Seit Jahren bekommen wir es nicht mehr fertig, den Berufsstand mit einer Stimme tatkräftig zu vertreten. Die Politiker nehmen uns nicht (mehr) ernst. Wie sagte doch der frühere bayrische Landtagspräsident Dr. Franz Heubl so nett: "Ihr Hp leistet gute Arbeit und habt berechtigte Anliegen, aber man hört Euch nicht! Ihr müsst Eure Anliegen öffentlich und laut vortragen!"

Doch wie soll das gehen, wenn sich diejenigen, die sich als Spitzenfunktionäre verstehen, verhalten wie beim Turmbau zu Babel. Jeder spricht eine andere Sprache, so dass uns Politiker bereits geraten haben, zunächst einmal unter uns Einigkeit zu erzielen und erst dann politische Ziele zu formulieren. Einfach peinlich!

An diesem Problem der Zerstrittenheit ist bisher ein einheitliches Ausbildungskonzept gescheitert. Somit hängt auch die gezielte Fachfortbildung, die die Qualitätssicherung gewährleistet, die man von uns fordern wird, in der Luft. Wie lange wollen wir diese Angelegenheit noch auf die lange Bank schieben? Vermutlich bis die Gesundheitsministerkonferenz der Länder uns eine Verordnung verpasst, die uns dann nicht schmecken wird. Warum schauen wir nicht nach Bayern? Dort gehen nicht unbedingt die Uhren anders, aber die bayrische Kollegenschaft hat ein tragbares Konzept, das man allgemein übernehmen könnte. Bitten wir doch den FDH-Vorsitzenden Landesverband Bayern, Hp Uwe Sieber, seinen Funktionärskollegen dieses Konzept einmal schmackhaft zu machen. Bei der KDH würde er damit sicherlich offene Türen einlaufen. Vielleicht klingelt es dann auch bei den übrigen Verbänden.

Noch wichtiger scheint mir, dass wir endlich Einfluss nehmen auf die gesundheitspolitischen Entscheidungen der EU. Sonst fährt der Zug ohne uns ab uns stellt die Zukunft unseres Berufsstandes in Frage. Ganz abgesehen davon, dass die Brüsseler Bürokraten keine deutschen Hp wollen, kursieren Überlegungen, die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln zu harmonisieren. Das bedeutet, dass ein Arzneimittel in allen Mitgliedsländern der EU verschreibungspflichtig wäre, wenn es diesen Status in einem der Mitgliedsländer hat. In diesem Fall hätte der deutsche Heilpraktiker nur noch begrenzten Zugang zum Arzneimittelmarkt. Uns würde ein Großteil der Therapiemöglichkeiten genommen. Existenziell betroffen wäre auch die biologische Pharmaindustrie. Es ist also allerhöchste Zeit, dass unser Berufsstand in Brüssel Gehör findet. Aber wer hat die Kompetenz, uns dort nachhaltig zu vertreten?

Bis sich das ändert, halte ich es für meine Pflicht, auf die Gefahren für unseren Berufsstand hinzuweisen. Damit khoffe ich, die Kollegenschaft motivieren zu können. Jeder Einzelne muss sich engagieren, unsere Zukunft zu sichern. Insbesondere möchte ich die Jüngeren unter uns ansprechen. Nur wenn wir gemeinsam den Blick für unsere Stärken schärfen, können wir die Zukunft gestalten, wenn wir kreativ werden anstatt zu jammern und in Mutlosigkeit zu verfallen, können wir die Probleme anpacken und werden wir die Tücken des neuen Jahres meistern. Nur dann sehen wir Licht am Ende des Tunnels.