Unsere Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 9/2002

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht", klagte einst Heinrich Heine. Mir geht es so, wenn ich an die Zukunft unseres Berufsstandes denke. Für die anstehenden Probleme (Ausbildung, Qualitätssicherung, Arzneimittel-Zulassungen) finden die Spitzenfunktionäre keine Lösung, weil sie sich nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen können. Profilneurose dürfte die Ursache dafür sein.

Die Kapriolen unserer derzeit chaotischen Gesundheitspolitik erleben unsere obersten Funktionsträger dagegen mehr oder weniger sprachlos. Offensichtlich haben sie sich von "der ruhigen Hand" des Kanzlers anstecken lassen und verharren in Lethargie. Dabei verpassen wir gerade jetzt im Wahljahr, Einfluss zu nehmen auf die Bundestagskandidaten. Damit geht eine große Chance für die Zukunft unseres Berufsstandes dahin. Verpasst, verschlafen! Trotz hoher Aufwandsentschädigung!

Der Präsident des größten Hp-Verbandes redet zwar stets - mit einer reichlichen Portion Eigenlob natürlich - die Situation der Heilpraktikerschaft schön und wiegt damit seine Mitglieder in Ahnungslosigkeit. Die Mehrzahl aller BehandlerInnen, die mit ihrem Praxisalltag voll ausgefüllt sind, weil sie sich dort mühsam ihren Lebensunterhalt verdienen müssen - ganz im Gegensatz zu einigen Funktionären - kümmern sich nicht um Berufspolitik und glauben diesen trügerischen Schalmeien-Klängen.

Betrachtet man das Funktionsärswesen in unserem Berufsstand einmal ganz nüchtern, wird man feststellen, dass alle Pöstchen, die hoch honoriert werden, sehr begehrt sind. Hat man sie erst in Besitz genommen, wird daran geklammert, damit man diesen guten Pfründe - finanziert aus Beitragsgeldern - möglichst nie wieder verliert. Selbstdarstellung täuscht dann über Leistung hinweg und die wirtschaftliche Existenz lässt man sich möglichst großzügig vom Verband garantieren. Wenn ein Regionalvorsitzender der FDH, der von seinen Mitgliedern gewählt wurde, u.a. weil er gleichzeitig auch "Gutachter" im Dienste der Debeka ist (ich hatte darüber schon ausführlich berichtet), sich dann aber in Eisenach für den Vorsitz des FDH zur Wahl stellte, ist mir das unbegreiflich. Es hat ja - Gott sei Dank - nicht geklappt!

Auch die anderen Bewerber konnten sich erst im zweiten Wahlgang durchsetzen. Der "Obergutachter" schaffte gerade noch einmal den Sprung in die Vorstandsriege, aber nicht mehr als 1. Vizepräsident. Die Ansicht, die ich dazu vertrete, lautet: Spitzenfunktionäre dürfen keine Gutachter sein. Sie haben einzig und allein die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten, aber nicht die Belange der PKV.

Vor 16 Jahren habe ich mich schon gegen diese Tätigkeit des Herrn König erfolgreich zur Wehr gesetzt. Ich habe ihn auch immer wieder kritisiert. Deshalb hat er mich jetzt erneut auf Unterlassung verklagt. Nur die Mehrzahl der FDH-Mitglieder hat garantiert noch kein "Gutachten" von ihm gelesen, sonst wäre er für sie als Funktionsträger nicht mehr wählbar gewesen.

Aus meiner Arbeit in unserem Verband habe ich Einblick in viele Praxen. Ich sehe, wie sehr sich die KollegInnen mühen müssen, ihr täglich Brot zu verdienen. Es gibt nur wenige Großpraxen, wo überdurchschnittlich gut verdient wird. Viele schrammen gerade so am Existenzminimum dahin, setzen für ihre Arbeit nur einen geringen Stundensatz an, der niedriger liegt, als der Stundenlohn eines Handwerkers. Wenn sie dann eine Liquidation schreiben nach unserem 17 Jahre alten GebüH, wird diese von Gefälligkeitsgutachtern in infamer Weise zerfleddert. Damit wird ihre mühevolle Arbeit zunichte gemacht und womöglich die wirtschaftliche Existenz gefährdet. Für diese Situation sind etliche Spitzenfunktionäre verantwortlich, die das Gutachterunwesen bis heute dulden und decken oder gar als "Gutachter" mitverdient haben.

Dieses Thema lässt mich einfach nicht los.

Seit 16 Jahren sammle ich die "Bösachten", die hier gegen die Kollegenschaft verfasst werden. Immer wieder lese ich, wie BehandlerInnen diffamiert werden und erlebe, wie die Patienten der Praxis fern bleiben. Denn nur ganz wenige sind bereit, ihren Leistungsanspruch einzuklagen.

Wenn man immer wieder damit konfrontiert wird, kann und darf man dazu nicht schweigen, auch wenn man dabei riskiert, vom "Obergutachter" wieder einmal verklagt zu werden.