Unsere Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 9/2001

Meine Aufsätze in unserer Zeitung ("Natur-Heilkunde Journal") erfahren manchmal auch ein Leserecho, positiv, strittig, aber auch schon mal negativ. So nannte mich unlängst ein Kollege die "Kassandra des Berufsstandes", was er abwertend meinte, da ich immer nur Negatives aufzeigen würde.

Ich hatte ihm geantwortet, dass ich in Erinnerung an meine Schulzeit die Geschichte der Kassandra, Tochter des König Priamos, anders kennen würde. Vergeblich habe sie davor gewarnt, das hölzerne Pferd in die Stadt Troja zu holen. Ich dagegen hoffte und es würde meine Mühen lohnen, dass der Berufsstand meine Warnungen nicht in den Wind schlagen würde.

Doch leider ist zu befürchten, dass die augenblickliche Zeiterscheinung der Spaßgesellschaft, die sich wie ein ansteckender Virus überall breit macht, auch unseren Berufsstand bereits erfasst hat.

So wie unsere Spitzenpolitiker die großen Sorgen der Bürger - Arbeitslosigkeit, Teuerung, verpatzte Reformen, wirtschaftlicher Abschwung - verdrängen und nur versuchen, sich in den Medien in gute Position zu bringen. So agieren auch die Spitzenfunktionäre. Die Probleme der Heilpraktikerschaft, die ich schon oft an dieser Stelle aufgezeigt habe und für die es schon bald "fünf nach zwölf" ist, werden nicht ernst genommen oder verdrängt. Für die Gefahren, die die Gesundheitspolitik für uns bereit hält, hat die Mehrzahl unserer Funktionärsträger keine Antenne. Oft frage ich mich, ob nicht einige von Ihnen bewusst Volksverdummung betreiben, um die eigenen Fleischtöpfe zu sichern. In der heutigen Zeit denkt schließlich jeder zunächst an sich (Spaßgesellschaft).

Wie kann man als Funktionär Spaß haben, wenn die erkleckliche Alimentation aus der Verbandskasse fehlt?!

Wenn man dann auch noch Verbandsrente bekommt, geht der Spaß erst richtig los!! Es passt in unsere Zeit der Egoisten, wenn man monatlich eine fünfstellige Aufwandsentschädigung annimmt, ohne dabei schamviolett zu werden! Diese Summe setzen die meisten Hp's im Monat nicht einmal um, geschweige denn verdienen sie.

Für mich hört hier einfach der Spaß auf!

Vielleicht lässt mich als "freischaffender Rentner" meine preußische Erziehung eben anders denken. Wenn ich ein Ehrenamt übernehme, tue ich es aus Idealismus, aber nicht um meinen Lebensunterhalt leichter zu verdienen als mit harter Praxisarbeit. Für mich ist Praxis und Berufspolitik noch Symbiose. In erster Linie betreue ich meine Patienten. In meiner Freizeit mache ich Verbandsarbeit und gebe KollegInnen Hilfestellung.

Deshalb glaube ich, dass ich sehr wohl weiß, wo uns Hp's der "Schuh drückt".

Ich bin jedes Mal sehr traurig, wenn mir ein(e) KollegIn berichtet, dass die Praxis aus wirtschaftlichen Gründen eingegangen ist. Die Existenzfrage darf nicht länger bagatellisiert werden. Die Kollegenschaft muss sich nicht nur fachlich fortbilden, sondern auch kaufmännisch. Hier ist das Engagement der großen Verbände gefordert, aber bitte als Beitragsbestandteil, ohne zusätzliche Honorare für irgendwelche Funktionäre. Ganz suspekt sind mir jedoch Verbandsvorsitzende, die gegen hohe Honorare "Gutachten" schreiben und damit viele BehandlerInnen um den Lohn ihrer harten Arbeit bringen oder gar Existenzen vernichten. Wenn diese Herren dann noch einen Leitfaden (Kommentar) zur GebüH herausgeben, der eher Arbeitsanweisung für "Gutachter" ist, finde ich das gar nicht mehr spaßig.

Probleme löst man nicht, indem man sie verdrängt, übersieht oder sie, wie unser werter Bundeskanzler, mit "einer Politik der ruhigen Hand" aussitzen will. Wenn meine Warnungen etwas zur Problemlösung bewirken könnten oder die Kollegenschaft zum Nachdenken anregen, will ich gern "die Kassandra des Berufsstandes" sein.