Unsere Meinung

von Hp Wilfried Pieper

Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 9/2003

Inzwischen sind die Ergebnisse der Gesundheitsreform, die die "Welt am Sonntag" als "Gesundheitsreförmchen in Pflastergröße" bespöttelt, bekannt. Tatsächlich ist in dem Verhandlungsmarathon der "großen Koalition" nur eine Kostendämpfung mit begrenzter Wirkung zustande gekommen, leider kein Konzept zu einem wirklichen Strukturwandel, bzw. war politisch nicht gewollt. Gerade von de Verhandlungsführern als "Jahrhundertreformwerk" gefeiert, soll, so bekundet unsere Superministerin bereits, höchstens bis 2007 halten. Die ernsthaften Einschnitte werden erst noch kommen. Am tatsächlichen Reformbedarf wurde also vorbeiverhandelt. Das Ergebnis bringt in erster Linie eine Mehrbelastung der Patienten, verknappt somit die Geldmittel, die den Bürgern zur Verfügung stehen. Selbst angesichts der Tatsache, dass medizinische Versorgung für GKV-Patienten deutlich teurer wird, ist nicht anzunehmen, dass sie nun ihrem Arzt den Rücken kehren und zum Heilpraktiker strömen.

Wenn uns ein Funktionär der DDH-Präsidenten-Runde vor der Presse zu Gewinnern der Gesundheitsreform erklärt und den Patientenstrom zu uns schon visionär vor sich sieht, kann ich diesen Standpunkt nicht nachvollziehen. Eher möchte ich glauben, dass diesem werten Herrn der tägliche Praxisbezug fehlt.

Richtig ist, dass unsere Patienten schon seit jeher mehr Eigenverantwortung für den Erhalt ihrer Gesundheit gezeigt haben - wie sie die Politiker jetzt einfordern. Sie sind insoweit der Solidargemeinschaft nicht zur Last gefallen. Fraglich ist, ob alle Kranken, die bisher schulmedizinisch behandelt wurden und auch diesen Therapien Glauben schenkten, nun plötzlich umdenken und zum Hp "strömen", nur weil sie jetzt im Quartal zehn Euro beim Arzt zahlen sollen. Da ist lediglich der Wunsch Vater des Gedankens. Unsere Spitzenfunktionäre sollten sich hüten, der Presse derart törichte Interviews zu geben. Vor allem, bevor sie reden, erst einmal nachdenken. Wir locken damit nur unnütz Neider!

Sicherlich ist für unseren Berufsstand eine gute PR-Arbeit nötig. Auch ist die gesundheitspolitische Situation äußerst günstig, die Heilpraktiker bei den Patienten und Politikern richtig in Stellung bringen, aber bitte professionell und nicht derart laienhaft. An Geldmitteln, Fachleute mit einer für unseren Berufsstand optimalen PR-Arbeit zu betrauen, dürfte es doch den DDH nicht fehlen. Man muss ja nicht teure Beitragsaufkommen nur für "Aufwandsentschädigungen" verbrauchen. Selbst der größten Hp-Vertretung stände ehrenamtliche Arbeit gut zu Gesicht. Die Akzente für unseren Berufsstand - besonders in der Öffentlichkeit - würden damit positiver gesetzt.

Eigentlich erwarte ich auch von den Funktionären der größeren Verbände, dass sie sich für Problemlösungen in unserem Berufsstand und nicht nur für die eigene Versorgung engagieren. Es berührt mich immer wieder eigenartig, wenn ich hören muss, dass sie untereinander - gegeneinander - prozessieren zur eigenen Profilierung - natürlich auf Verbandskosten. Oder, wie ein anderer Funktionär, es sich zum Hobby macht, die Kollegenschaft mit hoch dotierten Abmahnungen zu traktieren. Hat wirklich ein Kollege - meist unwissend - gegen das UWG oder HWG verstoßen, sollte man mit ihm ein aufklärendes Gespräch führen, aber nicht durch einen Anwalt hohe Kosten verursachen. Der finanzielle Spielraum ist in unseren Praxen ohnehin gering genug. Die gewählten Funktionäre sollten helfen, aber nicht bestrafen, zumal sie selbst von den Mitgliedsbeiträgen gut leben.

In diese Rubrik passt auch der Fall einer betagten Kollegin, die seit 28 Jahren erfolgreich ihre Praxis führt. Sie wurde zur Nachprüfung vom zuständigen Gesundheitsamt aufgrund einer Anzeige aufgefordert. Die Präsidentin des Verbandes, die sie nicht dort vertreten wollte, saß dann aber im Prüfungsausschuss und bescheinigte in einem "Erinnerungsprotokoll", das mir vorliegt, die Hp'in sei eine absolute Gefahr für die Menschheit. Und das nach 28 Jahren erfolgreicher Praxisausübung!!! So, liebe KollegInnen, stelle ich mir wahrscheinlich eine Berufsvertretung nicht vor.

Es macht mir Sorge, wenn ich die vielen Probleme sehe, die auf uns zukommen, und Funktionäre erlebe, die in der Kollegenschaft Kleinkrieg führen, aber abtauchen, wenn von ihnen Verantwortung verlangt wird. Abhilfe kann es aber nur geben, wenn jeder von Ihnen seine gewählten Vertreter kontrolliert und den erwarteten Einsatz anfordert. Dazu möchte ich Sie an dieser Stelle ermuntern.