Der bekannteste Heilpraktiker Deutschlands, wie ihn die Welt am Sonntag nannte,
Dr. jur. Manfred Köhnlechner, ist tot.
Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass er als Verfasser seines Buches
"Leben ohne Krebs" eben dieser Krankheit erlag. Sicherlich hat die Welt am Sonntag
recht, wenn sie schreibt, er sei der bekannteste aller HP gewesen. Kein
Funktionär oder Naturheilkundiger hat je seinen Bekanntheitsgrad erreicht.
Bereits 1974 kannten ihn schon 40 Prozent der Bevölkerung. Bei seinem Tode
war er nahezu jedem Mitbürger bekannt.
Er war in unserem Berufsstand eine schillernde, häufig auch umstrittene Persönlichkeit,
ein Paradiesvogel gewissermaßen, der mit unserem Standesethos wenig "am Hut" hatte.
So ist er auch nicht dadurch bekannt geworden, dass er außergewöhnliche Heilerfolge
in seiner Praxis hatte, sondern weil er es als ehemaliger Topmanager verstanden
hat, sich selbst exzellent zu vermarkten. Er hatte es nicht verlernt, auf der
Klaviatur der Medien hervorragend zu spielen.
Wenn er morgens in der "Bild-Zeitung" ein Medikament empfahl, war es bereits
nachmittags in den Apotheken ausverkauft. Dr. Köhnlechner, der als
HP das "jur." in seinem Titel gern unterschlug, studierte Jura, Betriebs-
und Volkswirtschaft, promovierte als Jurist an der Uni Würzburg,
erhielt 1955 seine Zulassung als Anwalt, verdingte sich beim Bertelsmann-Konzern, den
er wieder auf Erfolgskurs brachte und damit zum höchstbezahlten Manager Deutschlands
wurde.
Als dieser Job ihn langweilte und keine neuen Anreize mehr bot, schied er dort
überraschend aus. Ein "Schlüsselerlebnis" soll ihn dann angeblich zur Naturheilkunde
gebracht haben, die er in nur einem Jahr im Selbststudium erlernte, bereits
im März 1972 legte er in Rüdesheim die Amtsarztüberprüfung ab.
Sofort wurde in München die erste Naturheilkundepraxis eröffnet, aber schon 1974
behandelte er nicht mehr selbst, sondern ließ behandeln. Er hatte inzwischen
ein Institut für Erfahrungsmedizin gegründet und bastelte - ganz Manager - an einem
Imperium der Naturheilkunde, das heute aus zahlreichen Instituten, Praxen, Sanatorien
und Gesellschaften besteht. Er selbst fungierte nur als "nichtsverdienender"
atypischer Gesellschafter und Berater. Auch seine über 30 Bücher waren alle
Erfolgsschlager.
Man könnte also sagen, die Zugehörigkeit zu unserem Berufsstand hat ihm Ruhm, Ansehen
und Reichtum gebracht. Aber so richtig wohl hat er sich unter uns nie gefühlt.
Anfangs suchte er die Nähe der Verbandspräsidenten. Doch dann entfernte er sich
innerlich immer mehr von den Heilpraktikern. In der Öffentlichkeit bemängelte
er immer wieder unsere "laue" Ausbildung. Immer häufiger vertrat er die Meinung,
die Naturheilkunde gehöre in die Hände akademischer Mediziner.
Wenn wir nun auf das Leben von HP Dr. jur. Köhnlechner zurückblicken, welches
Resümee können wir für uns daraus ziehen? Enthält es für uns eine Botschaft?
Ich meine, ja!
Durch seinen hohen Bekanntheitsgrad hat er auch die Heilpraktikerschaft bekannt
gemacht. Die Bevölkerung ist nicht nur zu ihm geströmt, sondern hat ebenso
unsere Praxen angenommen. Unser Image ist duch seine Öffentlichkeitsarbeit
aufgewertet worden. Kein HP-Präsident oder Spitzenfunktionär hat soviel PR-Arbeit
für unseren Berufsstand geleistet wie er. Dafür sollten wir ihm dankbar sein.
Über seine Ansicht, die Naturheilkunde gehöre in die Hände von Akademikern,
weil diese eine fundierte Ausbildung mitbrächten, sollten wir nicht verärgert
oder empört sein, sondern darüber nachdenken: Er hat damit nämlich einen
ganz wunden Punkt berührt. Ohne fundierte Aus- und Weiterbildung wird es für
unseren Berufsstand keine gesicherte Zukunft geben. Nehmen wir also seine
Kritik als Anlass für nötige Reformen.
Noch eine weitere Botschaft hat er uns hinterlassen: Jede Praxis ist auch
ein Wirtschaftsunternehmen, das erfolgreich gemanagt werden muss. Nicht
jeder von uns hat jedoch seine Fähigkeit, damit Millionen zu verdienen,
aber zu einer gesicherten Existenz sollte es schon reichen.
Eine Persönlichkeit ist von uns gegangen, die zwar sehr umstritten,
aber auch außerordentlich erfolgreich war. Wir wollen uns in stillem
Gedenken von ihm verabschieden.