Quo vadis Heilpraktikerschaft?

von Hp Wilfried Pieper


Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 12/2002

Wenn man am Jahreswechsel steht, ist dies vielfach der Zeitpunkt, Rück- und Vorausschau zu halten. Für unseren Berufsstand können wir rückblickend nur sagen, dass wir viele ungelöste Probleme mit ins neue Jahr nehmen, weil es keinen Konsens gab zwischen den großen Verbänden. So gab es keine Lösung für eine einheitliche Ausbildung, auf der sich die Fortbildung zum Zwecke der Qualitätssicherung aufbaut, die Regierung und Verbraucherverbände von uns einfordern werden. Kommt diese Regelung nicht von uns im neuen Jahr, geben wir die Chance aus der Hand, dieses Problem in unserem Sinne zu lösen. Wenn es andere für uns tun, deren Sympathien wir ohnehin nicht genießen, wird uns das Konzept sicher nicht gefallen.

Ein problematischer Dauerbrenner (seit immerhin 20 Jahren) ist das Gutachterunwesen, das unsere Spitzenfunktionäre bis heute nicht beseitigen wollten. Warum auch immer?!

Zum Problem für unseren Berufsstand wurde auch die Veränderung der Überprüfungsordnung durch die zuständigen Gesundheitsämter. Nicht weil diese bundesweit eine Vereinheitlichung der Prüfungen anstreben, sondern weil statt der Überprüfung nach dem HPG eine medizinische Fachprüfung erfolgt. Außerdem ist der Fragenkatalog der schriftlichen Prüfung oft verwirrend und fehlerhaft und bringt folglich ungerechtfertigt Minuspunkte. Die Durchfallquote wurde höher geschraubt. Nun mag es Heilpraktiker geben, die sich darüber freuen, weil sie weniger Konkurrenz befürchten. Aber ein Berufsstand ohne Nachwuchs stirbt aus. Es ist unbestritten, dass wir großen Wert auf qualifizierten Nachwuchs legen und keine Verwässerung der Zulassung wollen. Die Kritik richtet sich vielmehr dagegen, dass wir uns auch in diesem Bereichen das Heft aus der Hand nehmen lassen.

Besonders schädlich für unseren Berufsstand ist die Sprachlosigkeit der Funktionsträger untereinander oder ihr Vorsatz, nicht miteinander zu kommunizieren und kooperieren, nur um die eigene Profilneurose zu pflegen. Dadurch haben wir an Gewicht (macht stark!) verloren, im öffentlichen Auftreten ebenso wie gegenüber Verhandlungspartnern in Behörden, PKV und Politik.

Wenig fruchtbar ist ebenso die Prozesshanselei einiger Funktionäre, die zudem meistens aus Beitragsgeldern finanziert wird, wie wir in der Vergangenheit erleben durften. Ein (Noch-)Vizepräsident, der sich gern "Obergutachter" nennen lässt, hat sich da immer besonders hervorgetan.

Wie sieht es nun mit der nationalen und europäischen Gesundheitspolitik aus? Drohen unserem Berufsstand auch von dort Gefahren?

Zunächst mussten wir nach dem knappen rot-grünen Wahlerfolg erleben, dass die wenig glücklich agierende bisherige Gesundheitsministerin zur Superministerin für Gesundheit und Soziales befördert wurde. Die ersten Vorschläge zur Notoperation im Gesundheitswesen - von Reform kann keine Rede sein - hat sie bereits angekündigt. Von der "Giftliste" des Herrn Eichel unterscheiden sie sich kaum, d.h., es trifft wieder das schwächste Glied, die Patienten. Ihnen wird weniger Leistung für höhere Beiträge zugestanden. Für künftige Gutverdiener ist die Übergangsschwelle zur PKV höher gelegt. Das wird sich künftig auch auf unsere Patientenklientel auswirken, negativ natürlich!

Ebenso werden alle anderen am Gesundheitswesen Beteiligten gedeckelt, aber am Ende ist doch der Hauptverlierer der Patient. Nur den GKV-Verwaltungen mit Verwaltungskosten- Erhöhungen um mehr als 50 Prozent seit 1989 ist die Ministerin noch nicht so recht nahe getreten.

Nun ist unser Berufsstand von all diesen Maßnahmen zwar nicht direkt betroffen, doch wenn der Patient keine optimale Versorgung mehr bekommt und selbst in die Taschen greifen muss, wird das Geld für alle knapper, auch für uns.

Von der EU hatten wir Hp bislang nichts zu erwarten. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Einmal sind wir dort nicht gut vertreten. Wir haben keine Lobby und unsere Spitzenfunktionäre sind dort weitgehend unbekannt. Den Brüsseler Bürokraten ist das HPG ohnehin ein Dorn im Auge. Sie werkeln seit eh und je daran, es zu untergraben. Aus dieser Richtung müssen wir also immer mit Störfeuer rechnen. Sei es, dass man danach trachtet, uns die Parenteralia zu nehmen oder für uns wichtige Medikamente verschreibungspflichtig macht.

Rückblickend betrachtet ist also die gesundheitspolitische Situation genau so bescheiden wie die berufspolitische. Was können wir folglich tun? Welche guten Vorsätze sollten wir für das neue Jahr fassen? Zunächst ist jeder von uns gefordert, über den eigenen Tellerrand hinaus aktiv zu werden und seine Mitarbeit in den Berufsstand einzubringen. In den Verbänden können wir unsere Vorstände auf den Prüfstand stellen, ehe wir sie wiederwählen.

Mit unverbrauchten KollegInnen sollten wir unsere Funktionärsämter verjüngen und Satzungen abschaffen, die es ermöglichen, dass sich ein Präsident im Amt zementiert. Zu fordern ist vor allem, dass unsere Verbände künftig besser zusammenarbeiten und untereinander konsensfähig sind. Denn nur gemeinsam lassen sich die großen Aufgaben, die noch vor uns liegen, meistern. Wenn es uns schließlich noch gelingt, gemeinsam unsere PR-Arbeit zu verbessern, brauchen wir nicht gar so düster in die Zukunft blicken.

Also packen wir es an! Jeder von uns ist gefordert! Keiner darf beiseite stehen!