Hat die Naturheilpraktik Zukunft?

von Hp Wilfried Pieper


Veröffentlicht im "Natur-Heilkunde Journal" Nr. 3/2004

Die Richtlinien der Politik weisen derzeit für die Naturheilkunde in die falsche Richtung. Zumindest zählt die mittelständische Pharmaindustrie als hauptsächlicher Hersteller die Naturheilmedizin zu den Verlierern der Gesundheitsreform, für die schon heute - wenige Wochen nach Beginn - der Spruch passt: Nach der Reform ist vor der Reform! Es zeigt sich bereits, dass schwere handwerkliche Fehler begangen wurden. Täglich tauchen neue Unzulänglichkeiten auf. Selbst mit der Kostendämpfung klappt es nicht. Die Kassenbeiträge werden nicht oder nur minimal sinken.

Wenn die chemische Großpharma als alleinige Gewinner dieser "Reform" möglicherweise einen Solidarbeitrag in die Gesundheitskasse gezahlt hat, wurde sie dafür reichlich belohnt, da sie nun alleinige Lieferanten für erstattungsfähige Medikamente sind. Diese einmalig gute Chance hat sie auch gleich kräftig für Preiserhöhungen genutzt. Und damit sind wir beim eigentlichen Thema.

Die naturheilkundlichen Präparate, von 80 Prozent der Bevölkerung geschätzt, sind in der Regel wegen ihrer geringen Nebenwirkungen rezeptfrei und damit nach dem neuen Reformgesetz nicht mehr erstattungsfähig. Kein Arzt darf sie seinen Patienten zu Lasten der Kassen noch verordnen. Man muss sie sich folglich selbst kaufen. Neben den zusätzlichen Belastungen wird dies vielen Patienten gar nicht möglich sein, was zur Folge hat, dass - wenn die Nachfrage ausbleibt - Präparate vom Markt verschwinden. Damit entsteht eine schwierige Situation für viele mittelständische Pharmabetriebe, und tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Bereits zum 1. Juli 2003 verschwanden über 5.000 naturheilmittel vom Markt, weil die hohen Gebühren für die Nachzulassung von der Industrie nicht mehr bezahlbar waren. Nach einer schon vor Jahren getroffenen EU-Verordnung mussten alle Naturheilmittel überprüft und nachzugelassen werden. Heilmittel, deren sich die Menschheit seit Jahrtausenden bedient, standen auf dem Prüfstand, bewährte Präparate wurden einkassiert. Momentan ist die Verunsicherung groß, kaum ein Therapeut weiß, welches Mittel noch im Handel ist. Dabei sind Gesundheitsskandale wie bei Contergan oder Lipobay bisher nicht aufgetreten. Tatsache ist doch, dass nahezu alle natürlichen Heilmittel nicht nur ungefährlicher, sondern auch wesentlich preiswerter sind als allopathische. Werden sie vom Markt gedrängt, demontiert man leichtfertig ein Standbein unseres Gesundheitssystems und nimmt uns Therapeuten das Handwerkszeug. Der Arzt für Naturheilkunde wird zwangsläufig zur Allopathie zurückkehren, aber wir Heilpraktiker stehen mit leeren Händen da. Diese Marktbereinigung trifft uns voll. Existenziell gefährlich wird es aber, wenn wir auch unsere Beihilfe-Patienten verlieren, weil ihnen ebenfalls die rezeptfreien Medikamente nicht mehr erstattet werden.

Eine schlechte Nachricht ist für uns, dass die Pharma-Industrie versucht, durch chemische Zusätze Medikamente so zu verändern, dass sie verschreibungspflichtig werden. Diese Präparate gehen uns zusätzlich verloren.

Zwar haben alle Parteien einträchtig an diesem "Reformwerk" mitgestrickt (Viele Köche verderben den Brei!), aber hinsichtlich der Verschreibungspflicht gehen die Ansichten der Politiker aber weit auseinander, so dass man hoffen kann, dass dieser Punkt noch einmal überdacht und korrigiert wird. Spätestens, wenn die Kassen merken, dass die Kosten für Medikamente nach der neuen Ordnung nicht gesunken sind.

Eigentlich ist es schon erstaunlich, dass die gezielte Vernichtung der Naturheilkunde, die hier betrieben wird, keinen Proteststurm der Entrüstung ausgelöst hat. Es ist zu diesem Vorgang seltsam still! Kein Echo bei der biologischen Pharmaindustrie, keine Proteste bei Patienten - und erst recht war von der Heilpraktikerschaft, die doch primär betroffen ist, nichts zu hören. Dabei betrachten wir Heilpraktiker uns als zweite Säule unseres Gesundheitssystems und sehen es als unsere vordringliche Aufgabe an, für den Erhalt der Naturheilkunde zu kämpfen.

Der Wettbewerb zwischen Allopathie und Biologie muss erhalten bleiben. Letztendlich werden neben unseren Patienten auch die Kassen davon profitieren. Die Naturmedizin, die der Menschheit über Jahrtausende genutzt hat, darf nicht durch ein stümperhaftes "Jahrhundertreformwerk" eliminiert werden. Jeder Mitbürger muss weiterhin ein Anrecht auf sanfte Medizin und natürliche Heilwesen haben! Dabei sollten wir Heilpraktiker nicht schweigen und die Dinge treiben lassen. Ob die Funktionärselite endlich begreift, dass wir alle in einem Boot sitzen? Jetzt ist Handeln angesagt! Es ist bereits fünf vor zwölf!

Rezeptfreie Medikamente sollen - nachgebessert - bis zum 1. April 2004 erstattungsfähig bleiben. Aber das reicht nicht! Sprechen Sie deshalb mit Ihrem Bundestagsabgeordneten! Bleiben unsere Funktionäre sprachlos, muss die Basis handeln!